Anschlag auf Shah Massud nahm Terrorangriff auf die USA vorweg

9. September 2002, 19:55
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Die Ermordung des charismatischen Nordallianz-Führers durch Al-Qa'ida jährt sich

Wien/Kabul - Es war das Menetekel, die rätselhafte Botschaft an der Wand, die die Terroranschläge der Al-Qa'ida in den USA vorweggenommen hat: Am 9. September 2001, zwei Tage vor dem Einschlag der American-Airlines-Maschinen in das World Trade Center und das Pentagon, ließ Osama Bin Laden den Führer der Nordallianz, Ahmed Shah Massud, umbringen.

Zwei Marokkaner, die sich als Journalisten ausgaben, aber wohl im Sold der Terrororganisation Al-Qa'ida standen, hatten um ein Interview mit dem charismatischen Feldherrn gebeten. Das Gespräch mit Massud, dem "Löwen von Pandschir, fand in Khodja Bahauddin, einer Kleinstadt an der Grenze zu Tadschikistan, statt, der Sprengsatz war in der Fernsehkamera versteckt. Einer der Attentäter kam bei der Explosion ums Leben, der zweite wurde von Massuds Leibwächtern erschossen.

Knapp eine Woche brauchte die Nordallianz, um den Tod ihres Führers einzugestehen. Von einer schweren Kopfverletzung war zuerst die Rede. Ahmed Wali, Massuds Bruder und Botschafter der afghanischen Exilregierung in London, gab zunächst noch an, der Nordallianz-Chef sei in einem Krankenhaus in Tadschikistan und bei Bewusstsein. Der Tod des 48-jährigen Generals, der bei seinem Auftritt im EU-Parlament in Straßburg im Frühjahr 2001 als Widerstandskämpfer gegen das radikal-islamische Regime der Taliban gefeiert worden war, brachte die Nordallianz, ein loses Kriegsbündnis rivalisierender Volksstämme, in arge Bedrängnis - der Tadschike Massud war ihr strategischer Kopf.

Doch mit Massuds Ermordung war Bin Laden schon einen Schachzug weiter, so mutmaßen heute westliche Beobachter. Sein Kalkül: Mit Massud würde ein Mann beseitigt, der für Washington nach den Terroranschlägen wichtig werden könnte. Ohne ihn könnten sich die USA nicht auf die Nordallianz stützen; vor einem Feldzug allein gegen Al-Qa'ida und Taliban im unwegsamen Afghanistan würden die Amerikaner aber zurückschrecken. (DERSTANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

Markus Bernath
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