Der Jörg als nützlicher Idiot der Linken

10. September 2002, 18:49
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10.9.2002 - Wo beginnen in diesen Tagen, so reich an menschlichen Enttäuschungen?

Damit wir es rasch hinter uns haben, am besten bei der mit Abstand tiefsten - dort, wo ein Mann laut APA mit Nestroy rückblickend schmerzlich fest- stellen musste: "Ich hab einmal einen Freund g'habt, und seitdem hab ich gar keine Abscheu mehr vor meinem Feind!"

Vielen Brüsten könnte sich nach Knittelfeld dieser Seufzer entrungen haben, aber es war weder Hühner- noch Heldenbrust, weder VP-Bundeskanzler noch FP-Klubobmann, dem das Ächzen entfuhr. Das Land in Heiterkeit, nur einer vom Schicksal schwer verwundet: Gestern war der erste Tag in dem Prozess, in dem Hans Dichand zugemutet wird, jene zehn Prozent vom Gewinn der "Krone" auch auszuzahlen, die er seinem langjährigen Blattmacher Friedrich Dragon versprochen hat, ehe er ihn im Streit davonjagte.

Den Verlust einer Regierung verschmerzt er leicht, von der hat er sich ohnehin nichts versprochen. Aber ein Versprechen einhalten zu müssen, das ihn Geld kostet, muss Dichand an der Welt verzweifeln lassen. Nun soll zunächst einmal der Gewinn der "Krone" festgestellt werden. Wer hätte da nicht tiefes Verständnis für catonischen Abscheu?

Aber auch sein Kolumnist Andreas Mölzer hat es in diesen Tagen nicht leicht. An sich haben wir unseren Lesern versprochen, daß wir nach der Analyse der Situation der Volkspartei und jener der großen Oppositionspartei SPÖ die Lage der Freiheitlichen untersuchen werden, wurde er diese Woche in seinem Blättchen "Zur Zeit" ein Opfer der Zeitläufte: In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen wollen wir uns dafür noch eine Woche Zeit lassen, um absehen zu können, wohin der blaue Weg führt.

Das ist einerseits gescheit, andererseits unverständlich, weil die Mölzers in der FPÖ doch immer wussten, wohin der blaue Weg führen muss. Leider war die blaue Vizekanzlerin dem blauen Weg im Weg. Zuletzt stand sie immer häufiger als die Verantwortliche für unpopuläre Maßnahmen da, während sich die Volkspartei die Hände in Unschuld wusch.

Das war noch harmlos, schlimmer war schon: Die andere Seite allerdings sieht so aus, daß es in dieser freiheitlichen Regierungsmannschaft eine nicht zu übersehende Tendenz zur political correctness und zur Anpassung an das politische Establishment der Zweiten Republik gab. Eine Tendenz, die diametral entgegengesetzt zur Politik eines Jörg Haiders steht, mit der er die FPÖ groß gemacht hat.

Wüsste man es nicht schon, man müsste für diese Information dankbar sein, noch dankbarer freilich einem Max Harden, der jene teuflische Intrige enthüllte, der die Haider-Partei ums Haar zum Opfer gefallen wäre. Diesmal will man die FPÖ zwar schon auch spalten, aber nicht mit Abspaltung. Also statt die Braven aus der Partei herauszubrechen, will man die Partei selbst ummodeln. Und die Bösen ausscheiden. Die neue Frontfrau, von ehemaligen Gegnern ganz plötzlich hofiert, trennt sich also keineswegs von der Partei, sondern führt sie, couragiert und energisch in eine gänzlich neue Richtung.

Die Gegner des Jörg Haider wollen ihm seine Partei unterm Hintern wegziehen, weiß sich der Autor gesäßmäßig nicht zu fassen. Und er sitzt im Leeren. Die Rechnung scheint aufzugehen. Schneller als erwartet. Die Riess-Grasser-Partie brüstet sich völlig ungeniert damit: "Regierungsarbeit zu leisten." Damit war es zwar nicht so weit her, aber unter gestandenen Haideristen ist man nun einmal der Meinung, dass Regierungsarbeit schändet. Diese völlig neuen, noch dazu von niemand gewählten Freiheitlichen (sie wurden alle von ihrem gewählten Gönner eingesetzt), scheinen auch die Gefahr (nicht für die eigenen Positionen, bloß für die Partei) lächerlich zu finden.

Eher als Peinlichkeit und eingefrorener Posthornton schlich sich der sehr persönliche Beitrag unseres Kolumnisten Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt ein, der bereits vorige Woche bei unserem Blatt eingelangt ist. Dieser Beitrag erschien Mölzer schlicht unfassbar, weshalb er zur Entschuldigung nachschob, dass es Professor Höbelts ausdrücklicher Wunsch war, diesen Beitrag abzudrucken. Darin versuchte sich der Herr Professor als politischer Analytiker. Der Nutznießer der mutwillig und sinnlos vom Zaun gebrochenen Krise dieser Tage kann nur die politische Linke sein - in Österreich und in Europa, will er wirklich - in Sorge um die Rechte in Österreich und in Europa - gescheiter sein als der einschlägige Spezialist.

Im gegenwärtigen Augenblick vertritt Haider mitnichten die Rechte, sondern er ist - Gott sei's geklagt - zum "nützlichen Idioten" der Linken geworden. Gerade wer Haiders große Leistungen schätzt und würdigt, ist daher aufgerufen, ihm ein deutliches "Halt" zuzurufen, um von seinem Lebenswerk zu retten, was zu retten ist.

Kommen auch des Professors Aufruf und Zuruf zu spät, so ist es doch nie zu spät, von einem akademischen Ruf retten zu wollen, was noch zu retten ist.


(DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

Günter Traxler
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