Energie: Chance für Europa

9. September 2002, 20:04
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Mit dem Buch "Access" analysierte er den globalisierten Markt: US-Analytiker Jeremy Rifkin im STANDARD-Interview

STANDARD: Wo waren Sie am 11. September?

Jeremy Rifkin: Ich war in Zürich bei einer Konferenz mit den größten Energieversorgern der Welt. Als ich von den Anschlägen hörte, habe ich meine Frau angerufen, mein Büro war schon evakuiert, es liegt zwei Blocks vom Weißen Haus entfernt. Ich habe sofort gesagt: Man müsste die Atomanlagen runterfahren.

Der Fakt ist, wir haben eine sehr zentralisierte Infrastruktur, die sehr verwundbar ist, auch bei Cyberangriffen. Die Cybertechnik bewegt die Kontrollmechanismen, die Öl, Gas, Elektrizität und Kraftwerke steuern, auch die nuklearen. Was ist, wenn ein Flugzeug in ein AKW stürzt? Man kann für diesen Fall nicht vorsorgen. Auch deshalb müssen wir uns in Richtung dezentralisierte, erneuerbare Energie bewegen. Das habe ich zuletzt im Buch Die H-Revolution. Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft (Campus Verlag) dargelegt.

STANDARD: Welche Auswirkungen hätte ein Angriff auf den Irak auf die Weltwirtschaft?

Rifkin: Niemand weiß das. Und wenn die USA wirklich eine Invasion ohne angemessene Form durchziehen, ist es gewissenlos. Es würde die UN-Stuktur völlig unterminieren, die man seit dem 2.Weltkrieg aufgebaut hat. Eine leichte Mehrheit der US-Bevölkerung ist auch dagegen. Saddam Hussein ist verrückt. Aber es muss andere Wege geben, einen Druck zu erzeugen.

STANDARD: Was können also die Europäer machen?

Rifkin: Ich denke, dass Europa eigentlich in einer idealen Position ist, einen bemerkenswerten Schritt ins 21. Jahrhundert zu machen. Deutschland etwa ist führend in Wasserstofftechnologie und erneuerbarer Energie, und es ist auch das mächtigste Land in Europa. Was würde geschehen, wenn die EU in den nächsten paar Wochen nach Johannesburg die Ölfirmen, die Energieversorger, die NGOs, die politischen Parteien zusammenbringt und sagt: Schaut, lasst uns einen 30- Jahres-Plan aufstellen, Schritt für Schritt, um wegzukommen von einer Ökonomie, die auf fossilen Brennstoffen basiert?

Ich weiß, da sind politische, wirtschaftliche, technische Hindernisse. Wenn es die EU aber schafft, zu einer Wasserstoff-Supermacht zu werden, dann hätte das den gleichen Effekt wie den, als die Russen Sputnik aussetzten. Damals wurde den USA offenbar: Sie haben die technologische Führungsposition verloren. Das ganze Land wurde mobilisiert. Man könnte förmlich ein Silicon Valley für Wasserstoff kreieren!

STANDARD: Aber würde das nicht auf den Widerstand der Ölfirmen stoßen?

Rifkin: Klar, aber in der Autoindustrie wird es ein großes Geschäft. Europa schaut immer auf Amerika, was die Regierung dort macht. Um Gottes Willen, hört doch auf damit! Hier ist eine Möglichkeit, selbst Potenziale aufzubauen, von unten nach oben zu reformieren, eine dezentralisierte, erneuerbare Infrastruktur für Energie und Kommerz für das 21. Jahrhundert zu bauen. Das bringt etwas für die Sozialdemokraten, denn es schafft auch viele Arbeitsplätze. Für die Grünen: Das ist ihre Geschichte. Und für die Globalisierungskritiker. Das ist die Möglichkeit, die sozialen Klüfte wieder zu verringern.

STANDARD: Was halten Sie von Johannesburg?

Rifkin: All die großen Probleme wurden lokalisiert, aber nicht in einen Kontext gestellt. Es gibt drei große Krisen, mit denen wir konfrontiert sind. Jede einzelne ist schlimm genug. Zusammen sind sie extrem bedrohlich:

  • Zum einen globale Erwärmung, das ist die dunkle Seite der industriellen Revolution, der fossilen Brennstoffe: Öl, Erdgas, Kohle. Die Menschen in Österreich und Deutschland haben die Überflutungen erlebt. In den USA: extreme Trockenheit. In Asien: Taifune. Das alles sind Vorboten der globalen Erwärmung.

  • Die zweite Krise ist die zwischen Norden und Süden. Auch sie ist mit der Erdölfrage verbunden: Ein Großteil der Schulden der Dritten Welt resultiert daraus, dass diese Staaten so viel Geld für Öl ausgeben müssen, damit sie sich entwickeln können.

  • Die dritte Krise ist jene im Nahen Osten. Auch die ist mit Öl verbunden. Als Osama Bin Laden sich gegen Amerika und den Westen wandte, war das auch, weil die USA in Saudi-Arabien präsent sind. Der Djihad und die Anschläge auf das World Trade Center sind eine Folge davon. Jetzt sagt Bush, wir marschieren im Irak ein. Das Weiße Haus weiß: Der Irak hat die zweitgrößten Ölreserven der Welt. In jedem Fall wird zwischen 2010 und 2020 der Punkt erreicht sein, an dem der globale Ölverbrauch die jährliche Fördermenge überschreitet. Also müssen wir Ersatz schaffen oder das System kollabiert.

STANDARD: Wie können diese Brennstoffe ersetzt werden?

Rifkin: Wasserstoff ist das am meisten verbreitete Element im Universum. Die einzigen Nebenprodukte bei der Verbrennung sind Hitze und Wasser. Wasserstoff existiert auf der ganzen Erde. Aber das Element liegt praktisch nie in ungebundener Form vor, sondern muss extrahiert werden.

STANDARD: Wie kann das praktisch funktionieren?

Rifkin: Mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen werden schon hergestellt und in Fabriken, Büros und Privatwohnungen zur Strom-, Licht- und Wärmeerzeugung eingesetzt. Jedes Haus, jedes Auto kann per Brennstoffzelle Strom produzieren. Durch diese Kleinstkraftwerke beim Endverbraucher wird die langjährige Vorherrschaft der Stromkonzerne gebrochen, die Energieversorgung könnte demokratisiert werden.

STANDARD: Wo gibt es schon die größten Fortschritte?

Rifkin: Im Automobilsektor. So stellt General Motors demnächst in Paris ein Auto mit Brennstoffzellenantrieb vor, das gut 20 Jahre halten soll. Schaltknüppel, Pedale und Lenkrad sucht man vergebens. Alles wird durch Softwarebefehle ersetzt und mittels Joystick gelenkt: ein Auto für die Internetgeneration. (DER STANDARD, Printausgabe 10.9.2002)

Das Gespräch führte Alexandra Föderl-Schmid auf der Ars Electronica in Linz.

Kultur-Spezial

Ars Electronica 2002

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