Staunen übers "Kasperltheater"

9. September 2002, 21:47
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Kopfschütteln auf der Straße - Der STANDARD befragte Passanten in größeren Städten

Graz/Klagenfurt/Wien - Am Grazer Kaiser-Josef-Platz herrscht Aufbruchsstimmung - wie immer um die Mittagszeit, denn die meisten Stände des Bauernmarkts werden zusammengepackt. Ein Herr um die fünfzig verkauft seine letzten Trauben, Erdbeeren und Himbeeren. Gefragt, was er zur aktuellen Situation der österreichischen Regierung sagt, antwortet er mit saurer Miene: "Dass man den Ruf Österreichs durch reine Blödheiten so aufs Spiel setzt, kann ich nicht verstehen." Beim Stichwort Blödheiten meldet sich ein benachbarter Biostandler zu Wort: "Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient!" Wen er das nächste Mal wählen werde, will er nicht sagen, es sei doch "eh wurscht. Sind sowieso alle Abkassierer!"

Für eine etwa 70-jährige Dame aus der Umgebung von Graz ist der Rücktritt der Vizekanzlerin "kein Spaß". Frauen hätten eben nach wie vor keine Chance und Riess wäre "für den Haider zu gescheit". Ob sie von der "Wende-Regierung" enttäuscht sei? "Nein, sicher net", lacht sie, "weil ich hab' die sowieso nie gewählt. Ich war immer a Sozialdemokratin." Aber ihresgleichen werden wohl aussterben, befürchtet sie und um die Jugend mache sie sich große Sorgen: "Wissen S' die Jungen sind so radikal. Und der Haider sagt halt, was die hören wollen."

Vor der Grazer Oper geht ein gebürtiger Ägypter, der seit 13 Jahren in Österreich lebt und beim Reinigungsdienst der Vereinigten Bühnen beschäftigt ist, zur Arbeit. Er halte von der FP nichts, aber die Frau (Anm. Riess-Passer) war noch besser als Haider. "Wenn der in die Regierung kommt, das wäre eine Katastrophe. Aber nicht für Sie, Sie sind ja keine Ausländerin."

In Klagenfurt ist die Stimmung nicht anders: "Das ist ein Kasperltheater. Mehr kann man dazu nicht sagen", schüttelt eine ältere Dame auf dem Klagenfurter Alten Platz den Kopf. Ein junger Mann meint: "I hab' den Haider gewählt, weil er mir getaugt hat. Aber jetzt bin ich sehr von ihm enttäuscht." "Wenn so was in einem Unternehmen passiert, ist es hin. Die Politiker sollten endlich arbeiten und nicht so viel herumstreiten", meint ein Klagenfurter Beislwirt: " Aber das Volk lässt sich das alles ja immer wieder gefallen."

Währenddessen schüttelt in der Wiener U-Bahn ein älterer Herr verärgert den Kopf: "Der Haider is a Trottel." Der jüngere, alternativ aussehende Typ ihm gegenüber murmelt nur: "Eine Katastrophe ist, dass der Finanzminister geht."

Auch eine junge Taxlerin in der Wiener Innenstadt hält Haider für den "Schuldigen", dass die freiheitliche Regierungsriege um Riess-Passer das Handtuch geworfen hat: "Jetzt wird es wieder lang dauern, bis wir eine Frau an der Regierungsspitze haben. Es ist schade um alle drei. Die haben das wirklich gut gemacht."

In den Onlineforen wurden die Rücktritte zunächst bejubelt, Tenor: "Juchu, da mach' ich mir jetzt sofort ein Bier auf und feiere." Sogar aus Norwegen erreichte den STANDARD ein "prost & anstoß": "Ich hoffe nur, dass ich den mühsam mitgeschleppten Uhudler nicht umsonst aufgemacht hab' und tatsächlich bald mein Ticket zu den Neuwahlen bestellen kann - ich trau' dem Ganzen noch nicht", meinte der Schreiber. Viele sagten über die Zurückgetretenen: "Sie haben wenigstens Rückgrat bewiesen." Massiv kritisiert wurde Scheibner, aber auch Schüssel. Der schweige wie immer.

Vor der SPÖ-Zentrale in Wien belauschte der STANDARD am Montag folgendes Gespräch zweier Passanten: "Ich geh' sicher net wählen. Weil, was die auf'gführt ham, is' ein Skandal." "Der Schüssel g'hört weg, des G'frast und der Haider auch. Soll unten bleiben bei seine Lei-Lei-Dodeln. (cms, stein, mon, kob, nim /DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

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