"Den Jörg wünsche ich mir schon zurück"

9. September 2002, 19:23
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Enttäuschung und Wut bei FP-Bürgermeistern und immer wieder ein Name als Ausweg

Wien - Ernst Haslinger ist entsetzt und enttäuscht - über seine Partei, die FPÖ. Und er hofft jetzt auf Haider. Damit drückt er den Tenor der Befindlichkeit unter FPÖ-Bürgermeistern in ganz Österreichern aus, wie ein Rundruf des Standard am Montag zeigt.

Haslinger, freiheitlicher Bürgermeister der Mühlviertler Gemeinde Saxen, meint zu den Rücktritten der Parteispitze: "Das geht mir so nahe, dass ich weinen könnte." Dass die Parteichefin, der Finanzminister und der Klubobmann das Handtuch werfen und den politischen Ring verlassen wollen, "bedaure ich wirklich. Das ist nicht erfreulich."

Noch dazu, wo Jörg Haider noch vor ein paar Tagen beim Welser Volksfest das Hohelied auf die "Gemeinschaft" gesungen habe - und dann das. Vor allem die Mitwirkung von FP-Volksanwalt Ewald Stadler stößt dem FP-Funktionär unangenehm auf. Der habe "sicherlich einen persönlichen Rachefeldzug" geschlagen, an dessen Ende die halbe Führungsmannschaft außer Gefecht gesetzt wurde - dabei habe der nicht einmal die Basis hinter sich, ist Haslinger überzeugt: "Sicher nicht."

"Wir werden verlieren"

Sicher ist für den Ortschef des 1700-Einwohner-Ortes, der vor kurzem noch vom Hochwasser betroffen war, dass es Neuwahlen geben wird, "wo wir die Rechnung präsentiert bekommen und verlieren werden. Klipp und klar". Ziemlich klar sei für ihn selbst auch, dass er sich sein persönliches Engagement im Wahlkampf jetzt "wohl sparen kann", ja will. Auch seine Frau sei so unzufrieden mit der Demontage der FP-Spitze, dass sie besonderen Einsatz gar "nicht zulassen würde".

Einsatz müsse jetzt der zeigen, der das Chaos mit ausgelöst habe: Jörg Haider. "Parteichef kann nur einer werden, der Jörg. Er muss schauen, dass er die Basis wieder hinter sich versammelt, aber es wird schwierig für ihn", fürchtet Haslinger doch sogar Ungemach in seiner Gemeindestube. Für Montagabend war eine Fraktionssitzung anberaumt - "wenn s' überhaupt kommen".

Altgediente FPÖ-Funktionäre wie der Gurker Bürgermeister Siegfried Kampl erkennen "ihre" Partei nicht mehr wieder: "Ich bedaure diese neue Form der Auseinandersetzung, die kannte ich bisher nicht." Grundsätzlich "bedaure ich es und habe nicht damit gerechnet. Sie haben gute Arbeit gemacht", ist Kampl "besorgt um meine Partei. Wir hätten zusammenfinden müssen." Dürfte sich Kampl einen neuen Parteichef wünschen, dann wäre es der alte: "Den Jörg wünsche ich mir schon zurück."

Franz Kastinger, FP-Ortschef im oberösterreichischen St. Georgen am Fillmannsbach meint: "Mir ist leid darum, dass die drei zurückgetreten sind." Er setzt jetzt auf den Parteitag zur Zukunftsklärung der FPÖ.

"Ich finde es schade. Das war meine erste Reaktion, als ich vom Rücktritt in der Nacht im Teletext gelesen habe", sagt FP-Bürgermeister Peter Bahn, der die Geschicke von Mehrnbach im Innviertel leitet. Ob Haider diesmal einen Stein ins Rollen gebracht habe, den er dann nicht mehr rechtzeitig einfangen konnte? "Dieses Gefühl hat man bei Haider oft im Vorhinein, und hinterher kommt man drauf, dass er doch Recht hat", meint Bahn.

Ernst Blum, Bürgermeister im Vorarlberger Fußach, "verschlägt es an und für sich die Sprache". Eines aber ist ihm wichtig: "Das, was gut gemacht wurde, sollte nicht vergessen werden." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

von Lisa Nimmervoll
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