"Das ist der amerikanische Weg!"

9. September 2002, 22:02
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Auswüchse der Trauerarbeit in der US-Musikszene: Die gleichen humanistischen Song-Inhalte produzieren sowohl "Heilige" als auch "Staatsfeinde"

Auch die US-Musikszene versucht im Schatten des 11. September Trauerarbeit zu leisten. Bruce Springsteen wird gerade heilig gesprochen - und Country-Outlaw Steve Earle wegen der gleichen humanistischen Song-Inhalte zum Staatsfeind erklärt.


Wien - Während der eine von der US-Öffentlichkeit als Volksheld gefeiert wird, bewirft man den anderen mit Schmutz. Die Rede ist von Bruce Springsteen und Steve Earle. Ersterer befindet sich mit seinem Album The Rising, auf dem die traumatische Gefühlslage einer ganzen Nation nach dem 11. September 2001 in gefühlvollen bis kitschigen Stimmungsbildern abgehandelt wird, gerade auf einem Triumphzug durch die US-Konzertarenen.

Steve Earle hingegen, derselben humanistischen Tradition wie Springsteen verhaftet und ebenso wie dieser initiiert von Vorvätern wie Bob Dylan oder Woody Guthrie, wird angesichts eines Songs zum Vaterlandsverräter gestempelt.

Dabei ist das von konservativen Medien heftig angefeindete Lied noch gar nicht offiziell veröffentlicht worden. Es wird erst ab dem 24. September in den Handel kommen. Die Rede ist vom John Walker’s Blues. Der auf Earles kommendem Album Jerusalem enthaltene Song entwirft einen inneren Monolog des nach seiner Ergreifung durch die Nordallianz zu trauriger Berühmtheit gelangten "US-Taliban" John Walker Lindh, dem beim Prozess im Oktober 20 Jahre Haft drohen:

"Wir kamen, um in den heiligen Krieg zu ziehen, unsere Herzen waren rein und stark. Aber Allah hatte andere Pläne für mich. Jetzt schleppen sie mich nach Hause mit einem Sack über dem Kopf, zurück ins Land der Ungläubigen."

Steve Earle steht mit dem John Walker’s Blues, der ihm jetzt neben Morddrohungen auch dutzende Negativschlagzeilen wie jene der New York Post einbrachte ("Twisted ballad honors Tali-Rat" - "Durchgedrehte Ballade ehrt Tali-Ratte"), fest in der Tradition beispielsweise eines Johnny Cash. Dieser wollte schon vor gut 40 Jahren im Folsom Prison Blues die menschliche Seite von Straftätern, deren Beweggründe erklären, nicht aber die Taten selbst entschuldigen.

Patriotische Hetze

Bei näherer Beschäftigung mit dem neuen Earle-Album wären dann allerdings auch die "patriotischen" Hetzparolen gegen den Songwriter unbegründet gewesen. Immerhin wäre die zutiefst humanistische Botschaft dem John Walker’s Blues thematisch beistehender Songs sofort erkennbar gewesen. Etwa jene von Amerika V. 6.0 oder das Titelstück Jerusalem selbst: "And I believe that on that day all the children of Abraham will lay down their swords forever in Jerusalem."

Nicht umsonst ist der wegen Drogen Anfang der 90er-Jahre selbst eingesessene Earle auch seit Jahren ein führender Vertreter von US-Bürgerrechtsorganisationen, die für humanen Strafvollzug und gegen die Todesstrafe kämpfen. Dokumentiert etwa auch auf dem Soundtrack zu Tim Robbins’ Dead Man Walking, wo Earle schon 1996 mit derselben Technik in Ellis Unit One die letzten Minuten eines Verurteilten vor der tödlichen Injektion beschreibt.

Auf diesem Soundtrack findet sich mit Bruce Springsteens Titelsong Dead Man Walking auch jener neue Nationalheld wieder, der auf seinem aktuellen Millionenseller The Rising in Stücken wie Paradise oder Worlds Apart ebenso wie Earle über die Kunstform des Rollenspiels für zumindest ansatzweises Verständnis für Selbstmordattentäter beziehungsweise andere Kulturen wirbt. Anscheinend aber kann Springsteen, der so wie Earle beim Unterhaltungsmulti Sony veröffentlicht, mit einem besseren PR-Stab arbeiten.

Sony selbst kann das egal sein. Wegen des Medienrummels um beide Künstler wird sowieso dickes Geld gemacht werden. Laut diverser Pressegerüchte wird von der Firma übrigens angeblich ein schon lange eingespielter Benefizsong von Michael Jackson zugunsten der Terroropfer von "9/11" zurückgehalten. Bevor Jackson nämlich Mildtätigkeit walten lassen kann, soll er gefälligst erst einmal die mehr als 100 Millionen Dollar (!!!) Produktionskosten seines aktuellen Albums, des spektakulär gefloppten Invincible, einspielen.

Weniger Probleme scheint die US-Öffentlichkeit übrigens neben Neil Youngs hilflos-naivem Let’s Roll mit einem derzeitigen Spitzenreiter der Hitparade zu haben, mit Country-Sänger Toby Keith.

Neben unsäglichen anderen "9/11"-Songs der Redneck-Szene wie Alan Jacksons Where Were You When The World Stopped Turning, Golfkriegsveteran Charlie Daniels und seinen Beiträgen That Ain’t No Rag, It’s A Flag und The Last Fallen Hero will Toby Keith im Verein mit einem patriotisch sichtlich verwirrten alten "linken" Helden der Outlaw-Szene, Willie Nelson, nicht nur Beer For My Horses.

Seine aktuelle Single Courtesy Of The Red, White And Blue (The Angry American) verkauft unwidersprochen Millionen: "Und der Kampf wird beginnen, und dir wird es Leid tun, dass du dich mit den USA angelegt hast. Wir werden dir mit unseren Stiefeln gehörig in den Hintern treten. Das ist der amerikanische Weg!" (DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

Von Christian Schachinger

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steveearle.net

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    "Paradise": Bruce Springsteen singt auf seinem neuen Album "The Rising" Songs aus der Sicht von Selbstmordattentätern und wird damit zum umjubelten Volkshelden.

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    Country-Outlaw Steve Earle besingt "US-Taliban" John Walker Lindh und wird so zum Staatsfeind.

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    US-Sittenbild aus dem September 2002: Michael Jackson (hier mit Britney Spears) will singend den Terroropfern helfen, muss aber erst seine Schulden bezahlen.

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