Gehrer im STANDARD-Interview: "Bei der Wahl ist alles drinnen"

9. September 2002, 17:53
40 Postings

Schüssels Stellvertreterin: "Es kann Überraschungen geben" - Wiederkehr von rotschwarz "keineswegs ausgemacht"

STANDARD: Ist das Wendeprojekt gescheitert?

Gehrer: Es ist nicht gescheitert. Die ÖVP wird die Regierungsziele weiterhin als Hauptschwerpunkte haben: an erster Stelle der Wiederaufbau, an zweiter der Konjunkturaufschwung. Außerdem: keine neuen Schulden machen, für junge Leute Arbeit beschaffen und vor allem Europa. Seit Knittelfeld trägt ein Teil der FPÖ dieses Projekt nicht mehr mit. Deswegen ist aber nicht die Wende gescheitert.

STANDARD: Hätte man mit diesem FPÖ-Teil arbeiten können?

Gehrer: Nein, ich glaube, das geht nicht. Man hat ein Koalitionsabkommen mit einer Partei und dazu muss auch die oberste Parteispitze stehen.

STANDARD: Das mündet aber dann voraussichtlich in eine rot-schwarze Koalition unter einem Kanzler Gusenbauer.

Gehrer: Bei einer Wahl ist alles offen. Meine Hoffnung ist, dass die Bevölkerung die Arbeit der ÖVP und des Bundeskanzlers positiv beurteilt. Ich glaube, dass alles drinnen ist.

STANDARD: Auch Erster zu werden?

Gehrer: Auf jeden Fall wollen wir zunehmen. Bis zum 29. September wollten wir eigentlich noch das Jahr der Umsetzung machen. Aber wenn man sich in den wichtigen Zielsetzungen nicht mehr einig ist, dann muss man die Menschen fragen.

STANDARD: War es ein Fehler, mit der FPÖ eine Regierung zu bilden?

Gehrer: Nein. Es war richtig, weil wir mit den Leuten, mit denen wir gearbeitet haben, zwar harte sachliche Diskussionen geführt haben. Aber wenn etwas ausgemacht war, dann hat es gehalten. Wir haben Sachen rübergebracht, die wir mit der SPÖ nie zustande gebracht hätten, beispielsweise die Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten.

STANDARD: Aber jetzt muss die ÖVP vielleicht zurück zu den Sozialdemokraten.

Gehrer: Nein wieso? Jetzt wird zuerst einmal gewählt. Da kann es noch viele Überraschungen geben.

STANDARD: Könnte es der ÖVP nicht auf den Kopf fallen, die FPÖ in die Regierung genommen zu haben?

Gehrer: Die innerparteilichen Vorgänge muss schon die Partei selbst verantworten. Wir haben mit der FPÖ ein Koalitionsabkommen mit bestimmten Zielen geschlossen: eine Wende der Politik. Ihr Inhalt ist nach wie vor aktuell bei uns. Die Wende im Denken, im Tun, in den Projekten, in der Eigenständigkeit der Menschen - also nicht der Staat macht alles -, mehr Autonomie, keine Schulden machen: Das alles hat nach wie vor Priorität bei uns. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.9.2002)

Bei der Wahl sei "alles drinnen", sagt Schüssel- Stellvertreterin Elisabeth Gehrer. Die ÖVP wolle jedenfalls stärker werden. Eine Wiederkehr der rot-schwarzen Koalition hält sie im Gespräch mit Martina Salomon keineswegs für ausgemacht.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.