Machtkampf im Osten Afghanistans

9. September 2002, 17:27
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Nach Kämpfen droht ein Bürgerkrieg - Kabul gedenkt des ermordeten Milizenführers Massud - Saatgutlager von Hilfsorganisationen geplündert

Kabul/Islamabad - Im Osten Afghanistans droht nach Kämpfen zwischen einem Milizenführer und dem von Präsident Hamid Karsai eingesetzten Gouverneur ein Bürgerkrieg. Milizenführer Pascha Khan Sadran verlangte, Karsai müsse ihn als Gouverneur der Provinzen Khost, Paktia und Paktika einsetzen, sonst gebe es keinen Frieden. Die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP berichtete weiters, der Milizenführer habe die Bevölkerung der Stadt Khost am Montag zur Flucht aufgefordert. Er werde die Regierungstruppen in einer großen Offensive angreifen, drohte Sadran an.

Am Sonntag war es zu Kämpfen zwischen den Truppen des amtierenden Gouverneurs von Khost, Mohammed Hakim Taniwal, und der Miliz Sadrans gekommen. Dabei wurden nach Angaben Taniwals 15 Menschen getötet. Sadran warf den Regierungstruppen vor, seine Stellungen angegriffen zu haben. Sadran war von Karsai als erster Gouverneur eingesetzt worden, musste den Posten aber auf Druck aus der Bevölkerung wieder abgeben. Beobachter werteten den Konflikt als Hinweis darauf, dass die Zentralregierung die Region nicht zu kontrollieren vermag.

Am Montag überflogen US-Hubschrauber Khost. Augenzeugen meinten, das solle weitere Kämpfe in dem Raum verhindern. Die USA vermuten Reste der Taliban und der El Kaida in der Region und haben einen Stützpunkt nahe der ostafghanischen Stadt.

Massud wird als Held abgefeiert

Die afghanische Regierung feierte unterdessen den vor einem Jahr ermordeten tadschikischen Milizenführer Ahmed Schah Massud als Helden. Mehrere Redner gelobten am Montag auf einer Kundgebung im Stadion von Kabul, Massud als Vorbild hochzuhalten. "Wir werden alles tun, um für die Freiheit und Unabhängigkeit Afghanistans zu kämpfen", sagte Verteidigungsminister Mohammed Kasim Fahim. Massud war zwei Tage vor den Anschlägen vom 11. September ermordet worden. Präsident Karsai hat den Tag der Ermordung Massuds zum nationalen Feiertag erklärt. Heute beherrschen Massuds Anhänger die Nordallianz und damit die afghanische Regierung.

"Er war derjenige, der fünfeinhalb Jahre Widerstand gegen die Taliban und das El-Kaida-Terroristennetz leistete und sein Volk in die Richtung von Wohlstand und Freiheit führte", erklärte Fahim, ehemaliger Geheimdienstchef Massuds. An Geschäften und Häusern in Kabul waren schwarze Flaggen gehisst; im Sportstadion drängten sich mehr als 10.000 Menschen, überwiegend Soldaten und Schulkinder, zu dem offiziellen Gedenken. Ein starkes Aufgebot von afghanischer Polizei und Soldaten der internationalen Kabul-Schutztruppe ISAF sicherten die Veranstaltung wenige Tage nachdem Präsident Karsai in Kandahar einem Anschlag entgangen war und eine Autobombe in Kabul bis zu 26 Menschen getötet hatte.

Nahe den afghanischen Städten Ghasni und Jalalabad sind nach Angaben der Umwelt- und Agrarorganisation "Future Harvest" die beiden größten Saatgutlager geplündert worden. Dabei handelte es sich um Genbänke, aus denen neue, widerstandsfähige Getreidesorten gezüchtet werden sollten. Das neue Saatgut sei für den Wiederaufbau der durch den langen Konflikt schwer angeschlagenen Landwirtschaft vorgesehen, teilte "Future Harvest" am Montag in Washington mit. Nun versucht ein Zusammenschluss mehrerer internationaler Organisationen das verlorene Gut möglichst schnell zu ersetzen, um Afghanistan die Rückkehr in seine traditionelle Landwirtschaft zu ermöglichen. (APA/dpa/Reuters)

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    Zwischen Feiern und offenem Machtkampf: die Lage in Afghanistan ist alles andere als stabil

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