Der mit Mikroben im Kopf

12. September 2002, 18:51
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Artaud der Schein-Schizophrene, der den organlosen Körper ausgespuckt hat - Kommentar zur Ausstellung im Museum moderner Kunst

Ein Kopfmensch war er und weniger derjenige, der er am liebsten gewesen wäre: der mit dem umdefinierten Körper. Gemacht wird er aber noch immer: zum Schizophrenen. Trotz Protest von Antonin Artaud selbst und trotz der Schutzschilder Michel Foucault und Jacques Derrida war es Gilles Deleuzes "Schizo", der dem Stigma Artaud als Paradigma, nein mehr, als Prototyp Vorschub geleistet hat, hält sich der Mythos vom Schizophrenen recht hartnäckig in der Wissenschaftsgemeinde. Was sie nämlich gar nicht will: den Experten der Gegenwartspsychiatrie auf den Plan rufen, es sei denn, er käme aus der psychoanalytischen Schule selbst - Geburtsort von Gilles Deleuzes "Anti-Ödipus".

Denn den begriffsgeschichtlichen Diskurs öffnen, für einen anderen, etwa empirischen, wer würde das im Ernst wollen? Im Ernst also kommt es nicht darauf an, Artaud zu entmythologisieren. Denn das hieße also Deleuze aus den eigenen Reihen zu enttabuisieren, in dessen theoretische Maschine Artaud hineingeworfen worden ist, weil beide, Artaud wie Deleuze, das Hineingeworfensein in automatisierte Prozesse zur Schau stellten, Artaud dabei auf der künstlerischen Ebene.

Entmythologisieren, das hieße auch: das Marketingprinzip, das hinter dem stilisierten Artaud, dem "organlosem Körper" Deleuzes, marktfähig gewordene ästhetische Entität, funktioniert, zu verwerfen. Aber wer will schon zu hören bekommen, dass die neuronalen Mechanismen im Kopfe eines klinisch Schizophrenen vielleicht ganz andere sind, als solche, die zu kreativen Assoziationsketten eines Artaud führen? Im Gegenteil leistet man mit dem Fortschreiben des Mythos genau dem Prinzip Vorschub, das Artaud so maßlos enttäuscht hatte, aufgrund dessen er sich auch von den Surrealisten abgewandt hatte, und aufgrund dessen er andererseits völlig zu Recht zum Baby von Deleuze/Guattaris "Anti-Ödipus, Kapitalismus und Schizophrenie" gemacht wurde.

Dualismus

Signifikant ist dabei, dass der empirische und der kulturgeschichtliche Diskurs sich ja dualistisch zueinander verhalten: Der Operation mit Begriffen der abendländischen Geistesgeschichte (mit "Geist" im weitesten Sinne) steht diejenige mit der Hardware gegenüber. Das ist die Operation, die Artaud doch wollte, die mit dem Körper. Artauds philosophisches Problem mit dem Leib-Seele-Dualismus konsequent weitergedacht könnte heute in der naturwissenschaftlich inspirierten Erkenntnistheorie landen. Tatsächlich suchte er es aber durch Körpersprache in der Kunst auszudrücken, indem er die Repräsentationsmechanismen einer perversen gesellschaftlichen Vergeistlichung ähnlich Bruder Nietzsche in seiner Schrift verwahrte, verwertete, entwertete, entleerte.

Wie ihm dies auf der Ebene der Schriftlichkeit, welche die Kuratoren Cathrin Pichler und Hans Peter Litscher auch in der Zeichnung Ernst genommen haben, gelungen ist: Er nahm die Menschheitsskizze, die man ihm als Spiegel hinhielt, und zerbrach sie nicht, malte sie auch nicht aus, sondern zeichnete sie weiter und hütete sich vor den Rahmen(handlungen) und dem fertig Ausgemalten, die Skizze erst einmal akzeptiert und vervielfältigt.

Die Skizze oder Artauds enthüllter Skandal

"Was man aber Mikrobe genannt hat, ist Gott." "Mikroben abkratzen und damit seine Organe, das bedeutet: sich der Automatismen entledigen, der körperlichen und unbewussten, das Bewusstsein schärfen und die Unendlichkeit ins Leben holen." Unter anderem für die Dekonstruktion der abendländischen Moral und für die Metaphorisierung des Gottesbegriffs wurde Artaud für "delirierend" gehalten, die Argumentation dahinter ist allerdings unklar, da eine nachvollziehbare Logik entbehrend. Denn die Metapher "Mikrobe" klingt doch sehr passend für das, was der Theatermann, Schauspieler, Dichter und Zeichner meinte: Die vermarktete Stilisierung von Körperlichkeit, speziell Erotik überzeichnet den wirklichen Körper mit einer anästhetisierten Luft aus Phantasmen und gibt dem Ganzen auch noch - die widersprüchliche - Krone der Religiosität auf. Das ist skandalös. Das ist es, was Artaud als "Theater der Grausamkeit" bezeichnete. Den Widerspruch im Menschen zu kitten, den mit Scheinheiligkeit und Heuchelei übermäntelten, das ist sein Anliegen gewesen. Gespalten also wer: die anderen? Artaud? Oder was soll Schizophrenie sein: das Aushalten des Widerspruchs etwa nicht? Doch: Um das nicht auszuhalten, muss man es erst einmal erkannt haben. Artaud hat den Widerspruch, den er wahrnahm, nicht ausgehalten. Seine Erkenntnis betete Artaud in der Menschheit herbei, mehr konnte er nicht tun.

Das notwendig unfertige Bild

Konsequent folglich zeichnete er das Bild weiter. Er schrieb und zeichnete, zerkratzte Papier und rief nach dem Organlosen, nach einem Ersatz der Organe, nach dem Geist, der "wirklich rein" sein sollte. Wenn paranoid, dann war er größenwahnsinnig einzig in diesem Gedanken an das Absolute, nicht paranoider also als alle Gläubigen, sondern intensiver. Definiert man aber Intensität als Wahnsinn um, dann ist es nicht weit her damit, alle Kunst als art brut zu bezeichnen - Artaud war indessen nicht einfach ein Irrer, der künstlerisch talentiert war. Wenn Nietzsche den Übermenschen am Horizont sah, dann war Artaud es, der daran starb, dass er ihn einforderte und ihn "machen" wollte, gleichzusetzen mit "immer wieder machte".

Exponate

Als Exponate zu Artaud sind überhaupt erstmals Notizen seinen Zeichnungen nebengeordnet. Die beiden Dokumentationsweisen stehen gleichwertig nebeneinander. Litscher betont, nicht einfach den bildenden Künstler ausstellen zu wollen. Damit würde man Artaud beschneiden. Neben der bekannten Zeichnung zum "Theater der Grausamkeit" finden sich unter anderen auch die signifikanten Zeichnungen "Monsieur Victor", "Das Sein und seine Föten" und seine Selbstbildnisse. Eine von drei Videoprojektionen zeigt den deutschen Untertitel zur akustischen Aufnahme "Schluss mit dem Gottesgericht". Die schrille Originalstimme sirrt durch den Raum, macht die Ausstellung dreidimensional, sie ist undurchdringlich, klingt wahnsinnig, wer aber sagt, dass eine Aufregung Wahnsinn sein muss.

Die Anordnung der Exponate trägt dem Rechnung, was Cathrin Pichler in der Materialiensammlung "Über Antonin Artaud" vermerkt: "Artaud war kaum Initiator oder Urheber - er war Zeuge seines Werks und Zeuge seiner Selbst". Rechteckig angeordnete Glasvitrinen mit Notizen und Heft-Skizzen, Broschüren, Fotos nehmen den Ausstellungsraum ein. Die künstlerischen Zeichnungen umrahmen die Fläche des Raums, die kein Zentrum bildet. In drei Räumen rund um den Ausstellungsraum befinden sich die Video-Installationen, auch die Stimme Artauds ist also nicht zentriert, es gibt kein zentriertes Subjekt. Der anti-repräsentative Ansatz liegt auch im Akt der Materialien-Zerstreuung: Plakate in der Stadt (man beachte Artauds Perspektive und Blick), eine Zeitung zur Ausstellung und die Aufführung der "Nervenwaage" im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Von Marietta Böning

Die wahnsinnige Wahrheit

"Hommage an Antonin Artaud" im Museum moderner Kunst

Buch-Tipps

Über Antonin Artaud. Hg. von Cathrin Pichler und Bernd Mattheus, Edition Matthes & Seitz und Museum moderner Kunst Wien, München 2002.

Bernd Mattheus: Antonin Artaud, Leben und Werk des Schauspielers, Dichters und Regisseurs, erweitere und korrigierte Neuausgabe anlässlich der Ausstellung im Museum moderner Kunst. Edition Matthes & Seitz und Museum moderner Kunst Wien, München 2002.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Undatiertes Archivbild von Antonin Artaud, dem im Museum Moderner Kunst (Stiftung Ludwig Wien) vom 07.09.2002 bis 17.11.2002 eine Ausstellung gewidmet ist. Foto: Man Ray.

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