Streit um psychisches Leid

9. September 2002, 20:12
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Anwälte von Hinterbliebenen drohen, die Versicherung der Kapruner Gletscherbahnen zu klagen

Der Strafprozess um die Brandkatastrophe von Kaprun wird heute, Dienstag, fortgesetzt. Auch der zivilrechtliche Streit um Schadenersatz geht weiter. Wien - Der Bub ist inzwischen sechs Jahre alt. Er hätte vor wenigen Tagen eingeschult werden müssen. Hätte. Das Kind kann derzeit nicht in die Schule, es muss intensiv psychotherapeutisch behandelt werden - seit es im Winterurlaub in Kaprun seinen Patenonkel verloren hat. Der Mann kam beim Brand der Seilbahn auf das Kitzsteinhorn im November 2000 mit weiteren 154 Menschen ums Leben. Der Strafprozess zur Beantwortung der Schuldfrage wird heute, Dienstag, fortgesetzt.

"Das Kind hat rechtlich keinerlei Anspruch auf Schadenersatz", echauffierte sich Montag Rechtsanwalt Gerald Ganzger. Das formale Verwandschaftsverhältnis zwischen Buben und Toten sei dafür zu weit auseinander.

Was den Schadenersatzexperten der Wiener Anwaltskanzlei Lansky, welche die Familien von 70 bei der Katastrophe Getöteten vertritt, weiters ärgert: "Die Versicherungen stehen auf dem Standpunkt, dass überhaupt nur Kinder, Eltern und Lebensgefährten Anspruch auf psychischen Schadenersatz hätten." Weil sich die Konzerne auf ein entsprechendes Urteil des Obersten Gerichtshofs stützten. "Geschwister", und um deren neun geht es der Kanzlei, seien darin jedoch "nicht explizit ausgeschlossen".

Die Zahlungen seien auf eine zu kleine Opfergruppe beschränkt geblieben und darüber hinaus viel zu niedrig ausgefallen - was den Advokaten am meisten aufregt: "Zahlen wollen sie nicht mehr als 100.000 Schilling pro Opfer." Das sind 7267 Euro je Opfer, die von der Generali-Gruppe als Versicherung der Gletscherbahnen bisher geleistet wurden - als Akontozahlung.

Die Kanzlei will mehr. "Der bisher höchste in Österreich zuerkannte psychische Schadenersatz betrug 450.000 Schilling." Das sind 32.702 Euro. Advokat Gabriel Lansky denkt an bis zu 40.000 Euro pro Opfer - inklusive der Geschwister. Sollte die Generali die Forderungen bis Ende September nicht erfüllt haben, "werden wir sie klagen".

Den Einwand der Generali, man müsse erst den Ausgang des Strafprozesses abwarten, lässt Lansky nicht gelten: Die Beantwortung der Schuldfrage habe mit der zivilrechtlichen Abgeltung der Schadenersatzforderungen nicht das Geringste zu tun. "Die Haftung der Gletscherbahnen für Passagiere im Falle eines Unglücks steht außer Frage."

Erik Eybl, Leiter der Generali-Schadenabteilung, hielt dem entgegen: Man wolle einen entsprechenden Musterprozess anstrengen, da es sich hierbei um neue Judikatur handle. Die 100.000 Schilling seien als Soforthilfe gedacht, ohne dass Betroffene auf Nachforderungen verzichten müssten. "Wir sind an die Versicherungssumme gebunden. Was darüber hinausgeht, hängt von der Schuldfrage ab", vom Prozessausgang.

Von einem Musterprozess will die Kanzlei wiederum nichts wissen: Man dürfe das unterschiedliche Leid nicht pauschalisieren. "In einem Rechtsstaat muss es möglich sein, auf Opfer einzeln einzugehen", erklärte Ganzger. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

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