Gegen siebzehn Uhr

9. September 2002, 15:07
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Der Einbruch des Realen: Ulrich Peltzers Erzählung "Bryant Park" gerät in die Ereignisse des 11. September

Dieses Buch ist keine Erzählung über den 11. September des letzten Jahres, es ist der 11. September, der in die Erzählung hineingeraten ist. So wie Nine Eleven unsere Vorstellungen von Wirklichkeit sprengte, sprengen die Ereignisse in New York auch Ulrich Peltzers Bryant Park. Auf Seite 122 unterbricht der Autor von einer Zeile auf die nächste seine auf drei Handlungssträngen ruhende Erzählung: "Als ich gegen siebzehn Uhr aus der Staatsbibliothek nach Hause komme, ist die Stimme Janas auf dem Anrufbeantworter, bestürzt sagt sie, es sei Krieg jetzt, es sei nicht zu fassen." Über mehrere Seiten hinweg schiebt sich nun ein mit u. wie Ulrich gezeichnetes persönliches Protokoll in die Erzählung: eine Auflistung der ersten Gedanken und Handlungen, der versuchten Telefonate nach New York zu Freundin Kathrin etc. Dann nimmt Ulrich Peltzer die vorhergehenden Ausführungen wieder auf.

Auf ein Ereignis, das andere Schriftsteller zum Verstummen brachte, reagiert Peltzer also auf gänzlich andere Weise: Wie unter einer Überdosis Realität lässt er die Literatur sausen, hebt gewissermaßen die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit auf. Das funktioniert natürlich nur, da diese Trennlinie im Werk Peltzers äußerst durchlässig ist, ja in Bryant Park implizit ein Thema poetischer Reflexion ist. Die schmale selbstreflexive Erzählung, könnte man sagen, spürt von Anfang an der Frage nach, wie sich Wahrnehmungen im Text verdichten, wie sich Episoden vermengen, oder, wie es in der Erzählung einmal heißt, wie sich Geschichten "einfach in den Text der Gedanken hineinschieben".

Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn es kommt vor, dass Ulrich Peltzer mitten im Satz auf einen anderen aufspringt. Der Wechsel zur Kursivschrift zeigt dann an, dass das Sujet der Erzählung gewechselt hat, die Beschreibung eines Nachmittags in Manhattan - die Studien in der Public Library, Lunch und Open-Air-Kino im Bryant Park (gezeigt wird John Hustons Verfilmung von Moby Dick) - geht über in die Erzählung über einen geplatzten Drogendeal in Neapel beziehungsweise in die Rekonstruktion des langsamen Sterbens des Vaters in Berlin. Nicht wenige Handlungsfelder für ein Buch von gerade hundertsechzig Seiten. Peltzer schafft es allerdings durch den sehr präzisen Einsatz seiner formalen Mittel, die Stränge so nebeneinander zu entwickeln, dass diese sich nicht gegenseitig in die Quere kommen. Der Auftakt taucht das Buch bereits in ein Dämmerlicht, das durch die jede Einzelheit einfangende Beschreibung noch spannungsgeladener wirkt. In der 36. Straße stürzt ein Gerüst zusammen, der Verkehr staut sich, sinnlos drücken Fahrer ihre Hupen. Nachträglich liest sich diese Passage wie ein Vorzeichen der Katastrophe, als handle es sich beim 1956 in Krefeld geborenen, bereits in der Vergangenheit von der Kritik hoch gelobten Autor um einen Visionär, der die Terrorakte vorausahnte. In Neapel besteigt er währenddessen (als jüngerer Mann?) eine Fähre, und in Berlin hält er die Hand seines sterbenden Vaters.

In welcher Weise diese Passagen zusammenhängen, das wird der Leser nie erfahren. Sicher ist allerdings, dass sie verschiedene Facetten eines Lebens darstellen, das, um das von Charles Simic entlehnte Motto des Buches zu zitieren, einem "incromprehensible/ Bit of scribble/ On some warehouse" gleicht. Die Bannung des Ichs in Schrift also ist der kleinste gemeinsame Nenner der drei Handlungsstränge. Abgetastet wird die Sinnfälligkeit der eigenen Biografie, infrage gestellt die Souveränität des schreibenden Subjekts. Der Tonfall, auf den der Autor dabei vertraut, ist ruhig, unaufgeregt, ja er ist beinahe melancholisch zu nennen. Als sei das Vorhaben von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Es ist die Beschreibungswut, die an Peltzers "mission impossible" fasziniert, die Sehnsucht, Wirklichkeit zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen: "Schon sonnenbeschienen, werfen Feuerleitern sich überlagernde Schatten, ein Rippenmuster horizontaler und vertikaler Striche, die mal breiter, mal schmaler, die Hauswände entlangwandern, in der Mittagshitze flimmernd."

Der Einbruch des 11. September bringt Bryant Park natürlich gehörig in Turbulenzen. Die Erzählung erholt sich davon kaum mehr, zu massiv war der Eintritt des Realen. Die Entscheidung des Schriftstellers, sein Projekt zu unterbrechen, beschreibt allerdings den spannendsten Punkt der Erzählung. Mit seinem vollkommen unpathetischen Protokoll schafft Peltzer etwas, das in einem Band über den 11. September, der mit Bryant Park in engster Verbindung steht, mit folgenden Worten umschrieben wurde: "jetzt also hab ich ein leben. ein wirkliches." Das sind die ersten Sätze von Kathrin Rögglas really ground zero, einem Foto- und Textband, der versuchte, mit "diesem haufen an authentizität" im Gefolge der Terror-Ereignisse umzugehen. Röggla ist übrigens jene Kathrin, die u. nach den Anschlägen von New York zu erreichen versuchte. (Stephan Hilpold /DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 7./8.9.2002)

Ulrich Peltzer und Kathrin Röggla lesen am 13. September um 20 Uhr im Salzburger Literaturhaus (Stubergasse 23, 5020 Salzburg
Eintritt 6,-
ermäßigt 4,- EUR) aus den besprochenen Texten.
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    Ulrich Peltzer:
    Bryant Park. Erzählung
    Euro 19,90/158 Seiten
    Ammann Verlag, Zürich 2002

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