Angry man der Restaurationsepoche

9. September 2002, 14:42
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Charles Sealsfields "Austria as it is" (1828)
Teil 24 von Alf Schneditz

Teil 24 der Serie: (1828)

Diese Werke sind die kläglichsten und dümmsten, welche jemals eine Druckerpresse verlassen haben. Die Professoren sind bei Strafe des Amtsverlustes gebunden, sich streng an diese sogenannten Lernbehelfe zu halten", lesen wir im 3. Kapitel von Charles Sealsfields Austria as it is, (Österreich wie es ist, 1828). "Die Professoren waren selbst (...) arme und geschlagene Geister (...) waren selbst die Unsicherheit und die Inkonsequenz und Erbärmlichkeit, wie hätte, was sie vorgetragen haben (...) von Nutzen sein können", schreibt Thomas Bernhard - der Übertreibungskünstler - 150 Jahre später in "Die Ursache". Er hat sich trotz allem nie für das Exil entschließen können.

Karl Postl alias Charles Sealsfield alias C. Sidons alias Alcanzor (alias ?) zog das Exil vor. Auch ihm hat man Übertreibung vorgeworfen: "Le lecteur sentira sans doute combien ce portrait de l'empereur d'Autriche est empreint d'exagération", lautet eine Anmerkung zur Darstellung von Kaiser Franz I. in der französischen Übersetzung von Austria. Tatsächlich ist das Bild des Kaisers nicht gerade schmeichelhaft: Sein Kopf "ist ungemein mager, und fast könnte es scheinen, daß die hohlen Wangen ihre ganze Fülle dem Kinn und einem Paar dicker Lippen abgegeben haben (...). Dürre Beine, an welchen vier Kaiserinnen keine Unze Fleisch übrig gelassen haben, tragen einen hageren Rumpf und unschöne Füsse stecken in hohen Stiefeln. So sieht der Abkomme von neunzehn Kaisern, der jetzige Beherrscher Österreichs aus." Übertrieben oder nicht, jedenfalls handelt es sich um ein Monarchenporträt, das an Schonungslosigkeit Goyas berühmtem Gruppenbild der spanischen Königsfamilie in nichts nachsteht.

Postl-Sealsfields verfolgtes, in der deutschen Version offiziell erst 1919 (!) erschienenes Reisebuch ist aber nicht nur eine stellenweise aktualisierbare Österreich-Beschimpfung, sondern ebenso eine scharfsinnige politische Analyse der Restaurationszeit und nicht zuletzt eine versteckte Liebeserklärung des Autors an seine böhmisch-österreichische Heimat. Denn um sich zu verstecken, dazu hatte Karl Postl offenbar gute Gründe.

1793 im Weinhauerdorf Poppitz bei Znaim als Sohn eines Kellermeisters des Prager Kreuzherrenordens geboren, war ihm eine geistliche Laufbahn bestimmt. Als 22-Jähriger war er schon Sekretariatsadjunkt des Ordens in Prag, eine Vertrauensstellung, die ihn in Kontakt mit den aufgeklärten Kreisen der Wiener und Prager Aristokratie brachte. So erklären sich die detaillierten Informationen über die politischen Ansichten und das Privatleben der "300 hochadeligen Familien des Kaiserstaates", die "in Österreich die Brücke zwischen morgenländischer Sklaverei und westlicher Freiheit" bilden. Sealsfield unterscheidet sehr genau zwischen den Familien, denen die restaurative Politik nicht genehm war, und den "Handlangern Metternichs", die "ein getreues Abbild der französischen Koterien der Zeit Ludwigs XV., jedoch belastet mit der Schwerfälligkeit und Sinnlichkeit österreichischer Lebenskünstler", waren.

Die Kontakte des jungen Postl waren vor allem politischer Natur. Die Ordensspitze war mit Persönlichkeiten besetzt, die den josephinischen Geist gegen Metternichs Politik einbringen wollten. Aus bis heute ungeklärten Gründen jedoch floh der 30-Jährige in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Amerika, von wo er zwar nach Europa, aber niemals - soweit bekannt - nach Österreich zurückkehrte. Von da an hat Postl bis an sein Lebensende 1864 in Solothurn unter falschem Namen im schweizerischen Exil gelebt. Dreimal reiste er für längere Zeit in die Vereinigten Staaten, um sich dort der Beobachtung der amerikanischen Demokratie, die er in viel gelesenen Reisebüchern und Romanen kommentierend dargestellt hat, zu widmen und seinen Geschäften (vermutlich Eisenbahnaktien) nachzugehen. Niemand hat jemals gewusst, wer der wohlhabende Amerikaner mit dem deutschen Akzent, der Autor des Romans Das Kajütenbuch oder des später als Jugendbuch kolportierten Indianerromans Tokeah oder die Weisse Rose wirklich war. Erst das Testament, in dem er seine Neffen zu Universalerben einsetzte, hat das Geheimnis des "Transatlantischen Unbekannten" gelüftet.

Von seinen vielen Werken zählt Austria sicher zu den bedeutendsten. In acht Kapiteln folgen wir dem Autor auf seiner Reise von Le Havre über Frankreich und Deutschland nach Wien, dem eigentlichen Reiseziel. Ob fiktive oder wirkliche Reise, ist sekundär - es handelt sich um einen jener damals so beliebten Reiseberichte, die Gelegenheit gaben, sich kritisch mit Land und Leuten, besonders aber mit der zeitgenössischen Politik auseinander zu setzen. Nicht zufällig erinnern manche Anekdoten über die Willkür von Fürsten, "deren Geist ebenso beschränkt ist wie ihre Gebiet", an Äußerungen von heute berühmteren Zeitgenossen wie Heinrich Heine und Georg Büchner. Dem originären Sealsfield begegnen wird dann im 2. Kapitel, wenn er seine Leser mit dem "Regierungsrat B.C." bekannt macht, dem "kaiserlichen Spion, der auf Kosten seiner Majestät und auf recht großem Fuß die Saison in Teplitz verbringt." Postls eigener, fehlgeschlagener Versuch, Metternich seine Dienste als außenpolitischer Informant anzubieten, kontrastiert mit dem vernichtenden Urteil über den Restaurationspolitiker und dessen Fußvolk, die Wiener "Naderer". Die Charakterisierung des "politischen Intriganten" Metternich, der "wie eine ungeheure Spinne (...) sein Netz über Europa gespannt" hat, aber "als Staatsmann unbedeutend" sei, weil er sich "dem Werdegang unseres Weltteils" widersetze, ist auch gespeist von persönlichen Erfahrungen: Einem Universitätslehrer Postls, dem Mathematiker und Philosophen Bernhard Bolzano, wurde in der Folge der Karlsbader Beschlüsse die Lehrbefugnis entzogen. Trotzdem ist Austria nicht von blinden Emotionen geprägt, wie das die Zensur sah und in ihrem Fahrwasser auch die Literaturkitik, die das Buch als unreifes Jugendwerk abtun wollte. Bei aller Bitternis behält doch der analytische Verstand des Autors die Oberhand. Das zeigt sich in den Kapiteln V und VI, in denen wir neben den persönlich gefärbten Porträts des Kaisers und seines ersten Ratgebers auch eine politisch klare und psychologisch interessante Analyse des Verhältnisses zwischen diesen beiden Repräsentanten der Restaurationsepoche am Vorabend der Revolten der 30er-Jahre zu lesen bekommen.

Ein nicht minder aufschlussreiches Beispiel von journal-literarischer Geschichtsschreibung sind die Kapitel VII und VIII über Wien: der zwischen Repräsentationssucht und Reformwünschen schwankende Adel und das Volk, das in einem "Taumel von Musik und Vergnügungen" dahinlebt, ganz im Sinne einer Regierung, die "der geistigen Entwicklung ihrer Untertanen Fesseln auferlegt", aber "im Gegensatz zu anderen Regierungen, die Einfuhr aller fremden Weine" gestattet.

"Ein österreichischer Schriftsteller ist wohl das meistgequälte Geschöpf auf Erden" heißt es auf einer der letzten Seiten. Sealsfield-Postl hat dabei sicher nicht nur an Grillparzer, sondern auch an sich selbst gedacht, sofern er sich überhaupt als "österreichischen Schriftsteller" sehen konnte und wollte. Die kritische Betrachtung der politischen und sozialen Zustände im "China Europas" (Börne) und die gelegentlich hervorbrechenden "Österreich-Beschimpfungen" können allerdings das Durchscheinen verdrängter Rückkehrwünsche nicht ganz verhindern. Fast "verräterisch" - aus der Sicht eines steckbrieflich gesuchten Autors - mutet die Beschreibung der böhmischen Landschaft an, in der ein Gefühl erkennbar wird, das man getrost als "Heimweh" eines Exilierten bezeichnen darf: "Die Gegend westlich von Znaim ist eine ununterbrochene Reihenfolge von Weingärten, die sich dem leicht gewellten Gelände anschmiegen. In die tiefer gelegenen Stellen sind Obstgärten und Weizenfelder gebettet, Ruhe und Heiterkeit liegen über der ganzen Gegend (...) Die Dörfer zeigen einen Wohlstand, den man sonst auf dem Festland nicht antrifft: sie ziehen sich meist an Bächen entlang, deren Ufer mit Weiden, Roßkastanien und Nußbäumen bestanden sind."

Kein Zweifel, dass in solchen Beschwörungen des böhmischen Weinhauerdorfes als Natur- und Sozialidylle die literarische Rhetorik des ausgehenden 18. Jahrhunderts noch mitwirkt. Dennoch erscheint hinter dem rhetorischen Sprachkörper stellenweise das Selbstporträt eines in seinem demokratischen und persönlichen Bewusstsein verletzten und deshalb zornigen jungen Mannes der Restaurationsepoche. [] (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26. Mai 2002)

Charles Sealsfield, Österreich wie es ist. Herausgegeben, übersetzt von Heinz Kucher. EURO 23,80/162 Seiten. Böhlau, Wien 1998.

Alf Schneditz lebt seit 1981 als Schriftsteller und Universitätsdozent in Italien, zurzeit als Gastprofessor für Intercultural Studies in Japan.
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