Ausdruck taumelnder Begeisterung

9. September 2002, 14:12
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Die Hafisübersetzung des Freiherrn Joseph von Hammer-Purgstall
Von Leopold Hellmuth

Im Mai 1814 erhielt Goethe von seinem Verleger Johann Friedrich von Cotta ein Exemplar der eben in dessen Verlag erschienenen Gedichte des Mohammed Schemsed-din Hafis (gest.1389/90) "aus dem Persischen zum Erstenmal ganz übersetzt von Joseph v. Hammer, K.K. Rath und Hof-Dollmetsch, Mitglied der Akademie von Göttingen, Korrespondent des Instituts von Holland". Einzelne Gedichte aus diesem berühmtesten Diwan der persischen Literatur hatte Goethe, der sich von Kindheit an leidenschaftlich für die Literaturen des Orients interessierte, bereits früher in Zeitschriften gelesen, doch hatte er Hafis - wie er mit Hammer zu schreiben pflegte - "nichts abgewinnen" können. Erst die Lektüre der Gesamtübersetzung ergriff ihn so sehr, dass er sich seinen eigenen Worten zufolge "dagegen produktiv verhalten" musste, da er "sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können". Somit begründete die Hafislektüre nach Jahren stagnierender Schöpferkraft eine Periode höchster Kreativität, die im "Westöstlichen Divan" ihren gerade auch bei orientalischen Kennern der Weltliteratur viel bewunderten Ausdruck fand.

Der K.K. Hofdolmetsch Joseph von Hammer, der seit 1836 als Erbe der Gräfin Purgstall den Namen "von Hammer-Purgstall" trug, war zum Zeitpunkt des Erscheinens seiner mehr als tausend Seiten umfassenden Hafisübersetzung bereits ein bekannter Gelehrter: Neben zahlreichen Abhandlungen und Übersetzungen hatten vor allem die seit 1809 von ihm herausgegebenen "Fundgruben des Orients" seinen Namen weit über die Grenzen Österreichs bekannt gemacht. Gelehrte aus zahlreichen Ländern arbeiteten an dieser ersten der islamischen Welt gewidmeten Fachzeitschrift des deutschen Sprachraums mit, die im Gegensatz zur historisch ausgerichteten Orientalistik des 18. und 19. Jahrhunderts auch über den zeitgenössischen Orient berichtete.

Anders als die meisten Orientalisten seiner Zeit war Joseph von Hammer nämlich aufgrund seiner praxisorientierten Sprachausbildung, seiner mehrjährigen Aufenthalte im Osmanischen Reich und seiner Tätigkeit als Hofdolmetsch mit dem Orient unmittelbar vertraut und an den politischen und kulturellen Entwicklungen in den orientalischen Ländern lebhaft interessiert. Im Alter von fünfzehn Jahren war Hammer dank der Bemühungen seines Vaters in jene Orientalische Akademie aufgenommen worden, die Kaiserin Maria Theresia 1753 zur Ausbildung von Dolmetschern und orientkundigen Beamten in Wien eingerichtet hatte. Fünf Jahre lang wurde er an dieser Institution intensiv im Türkischen, Persischen und Arabischen, aber auch in mehreren europäischen Sprachen unterrichtet. Da nach dem Ende der Ausbildung an der österreichischen Internuntiatur in Istanbul keine Stelle für ihn frei war, blieb er - als Einziger von allen Absolventen - noch weitere fünf Jahre an der Akademie. In dieser Zeit wurde er mit verschiedenen wissenschaftlichen Aufgaben betraut und dadurch wesentlich intensiver auf seine späteren Arbeiten vorbereitet als jene anderen Absolventen der Orientalischen Akademie, die über ihre Beamtentätigkeit hinaus als Philologen und Übersetzer von Werken der orientalischen Literaturen hervortraten und Wien vom späten 18. Jahrhundert an zu einem Zentrum der europäischen Orientalistik machten.

Im Hinblick auf eine erhoffte Reise nach Persien beschäftigte sich Hammer in diesen Jahren besonders intensiv mit dem Persischen. Auf Wunsch des Grafen Carl von Harrach las er mit diesem großen Philanthropen an mehreren Abenden pro Woche den Diwan des Hafis im Original. Carl von Harrach widmete er dann auch die letztlich aus diesen "persischen Weihestunden" hervorgegangene Hafisübersetzung.

Erst als Hammer im Frühling 1799 endlich der Internuntiatur in Istanbul zugeteilt wurde, begann er den Entschluss, den ganzen Diwan ins Deutsche zu übertragen, in die Tat umzusetzen. Sieben Jahre später, in seinem letzten Jahr am Bosporus, lag eine erste Fassung der gesamten Übersetzung vor. Die Überarbeitung zog sich dann nochmals mehrere Jahre hin. Nach der Rückkehr nach Wien las Hammer im Salon der Caroline Pichler aus der Übersetzung vor und veröffentlichte einige Hafisgedichte in Zeitschriften. Die mit 1812 und 1813 datierten Bände der Gesamtübersetzung sollten aufgrund der Kriegswirren freilich erst 1814 erscheinen.[PARA]Seinen eigenen Worten zufolge hatte Hammer die Absicht, die Gedichte "Vers für Vers" und mit möglichster "Treue nicht nur in Wendung und Bild, sondern auch in Rhythmus und Strophenbau" ins Deutsche zu übertragen. Um den extrem komprimierten Wortlaut des Originals nicht durch Paraphrasierungen zu verfälschen, verzichtete er schweren Herzens auf den für die persische Lyrik essenziellen Reim und entschied sich für eine Übersetzung in gebundener, aber reimloser Sprache. Nur bei einigen Gedichten versuchte er durch Beibehaltung der durchgehenden Wiederholung desselben Wortes eine Annäherung an die Ghaselform. Goethe hat Hammers durch manche stilistischen Zugeständnisse erkauftes Bestreben, der extremen sprachlichen Dichte der persischen Vorlage in seiner Übertragung gerecht zu werden, als "ganz allein zuläßig" gebilligt.

Die Goetheforschung hingegen hat der gewaltigen Leistung einer möglichst werkgetreuen Gesamtübersetzung des schwierigsten aller persischen Lyriker bis in die jüngste Vergangenheit wenig abzugewinnen vermocht. Konrad Burdach etwa fasste die nirgends im Einzelnen begründete Einschätzung des späteren 19. Jahrhunderts in die Worte zusammen, Goethe habe Hafis in der "ungelenken, vielfach dunklen und durch Missverständnisse entstellten Übersetzung Hammers" kennen gelernt. Bemerkenswerterweise wurde diese meist nur geringfügig variierte negative Charakterisierung durchwegs von Literaturwissenschaftern tradiert, die - im Gegensatz zu Goethe selbst - darauf verzichteten, sich mit Hammers in der Vorrede dargelegten Intentionen zu beschäftigen.

Mangels Persischkenntnissen maßen sie die Qualität der Übersetzung offenbar nicht an deren Vorlage, sondern an der sprachlichen Virtuosität des "Westöstlichen Divan". Erst in den letzten Jahren hat sich auch in der Goetheforschung zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Hammers Übertragung trotz stilistischer Schwächen und zahlloser Flüchtigkeits-und Druckfehler nicht nur einen vollständigen, sondern auch einen durchaus richtigen Hafis bot.

Zahlreiche der von Hammer übertragenen Gedichte sind in den heute maßgeblichen Hafisausgaben nicht mehr enthalten. Das Problem der Authentizität einzelner Gedichte hat ihn freilich genauso wenig beschäftigt wie eine allfällige Einbeziehung damals bereits bekannter Lesarten. Er übertrug vielmehr den vollständigsten und seiner Meinung nach besten Hafis-Diwan, den er sich zu beschaffen vermochte, in der ihm vorliegenden Gestalt gewissenhaft ins Deutsche. Indem er auf die damals entscheidend verbesserten Methoden der Textphilologie, die in der praktischen Ausbildung der Orientalischen Akademie natürlich nicht vermittelt wurden, weitgehend verzichtete, steht der außerordentlich vielseitige und unglaublich produktive Hammer zweifellos den Gelehrten vergangener Zeiten näher als den Spezialisten des 19. Jahrhunderts.

Die Entscheidung, sich bei der Übertragung ganz an den türkischen Kommentar des Sudi aus dem 16. Jahrhundert zu halten, entsprach freilich auch einer ganz bestimmten Auffassung des Werkes: Hammer hielt Sudi nämlich vor allem deshalb für den "Verständigsten" aller ihm bekannten Kommentatoren, weil er sich "mehr mit der grammatischen Erklärung als mit der mystischen Deutung" beschäftigt. Ganz im Sinne des türkischen Kommentars sah Hammer in den in immer neuen Variationen die Themen Liebe und Wein umkreisenden Gedichten weithin "nichts als den Ausdruck taumelnder Begeisterung des Lebensgenusses" und fasste die meisten Stellen "ganz anakreontisch, oder katullisch" auf. Dementsprechend scheute er sich auch nicht, in den Anmerkungen durchgehend Parallelen aus der antiken Literatur anzuführen.

Die Frage, wie Hafis letztlich zu verstehen sei, hat seine Leser über all die Jahrhunderte intensiv beschäftigt. Sie ist freilich auch heute nicht schlüssig zu beantworten und wird aufgrund der Komplexität seiner Metaphorik nie erschöpfend zu beantworten sein. Während Laien persischer Muttersprache weithin davon überzeugt sind, dass die kühnen Bilder die Sehnsucht der Seele nach Gott ausdrücken, differieren die Urteile iranischer und europäischer Gelehrter der Gegenwart genauso stark wie die Auffassungen der orientalischen Kommentatoren und Interpreten vergangener Jahrhunderte.

Hammers "anakreontischer" Hafis war daher gewiss kein "falscher" Hafis, wohl aber nur einer neben anderen. Goethes produktive Auseinandersetzung mit dieser von ihm in ihren formalen wie interpretatorischen Prämissen vollauf gebilligten Übertragung zeigt deutlich genug, dass diese einem idealen Leser immer noch jene unauslotbare Vielschichtigkeit des Originals erkennen ließ, die Hammers Persisch-Schüler Friedrich Rückert in seinem "Poetischen Tagebuch" Jahrzehnte später mit den berühmten Worten umschrieb: "Hafis, wo er scheinet Übersinnliches/ nur zu reden, redet über Sinnliches;/ Oder redet er, wo über Sinnliches/ er zu reden scheint, nur Übersinnliches./ Sein Geheimnis ist unübersinnlich,/ Denn sein Sinnliches ist übersinnlich." []

Die 1973 im Georg Olms Verlag in Hildesheim erschienene Faksimileausgabe der Hafisübersetzung Hammer-Purgstalls ist im Buchhandel noch erhältlich. Am umfassendsten über die Hafisrezeption Goethes informiert die im Deutschen Klassiker Verlag 1994 erschienene kommentierte Ausgabe des "Westöstlichen Divan" von Hendrik Birus (Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. I. Abteilung: Sämtliche Werke, Band 3/1 und 3/2.) [NL][NL]Leopold Hellmuth lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien Ältere deutsche Sprache und Literatur. 1988 veröffentlichte er eine Monographie über "Die Assassinenlegende in der österreichischen Geschichtsdichtung des Mittelalters". 1997 verfasste er für den Ausstellungskatalog "Orient. Österreichische Malerei zwischen 1848 und 1914" der Residenzgalerie Salzburg eine kurze Geschichte der österreichischen Orientalistik bis zum Ende der Monarchie. (DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10. Dezember 2000)

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