Die gnadenlose pannonische Gastlichkeit

8. September 2002, 22:22
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Grenzüberschreitungen im Burgenland

Bildein - Es gibt Menschen, für die war das Burgenland nie das bewitzelte Armenhaus, sondern eher der Ort, wo die Luft ein wenig bunter war, der Wind ein wenig bluesiger, der Abend einen Rhythmus hatte fast wie der Rock 'n' Roll. Willi Resetarits ist zum Beispiel so ein Mensch. Einst war er ein Schmetterling, kämpfte im alten Wiener Schlachthof für eine neue Arena, aber in den Kampfpausen kam auch er nach Wiesen oder in die Osliper Cselley-Mühle, um sich dort dem zu ergeben, was nicht nur er "die gnadenlose pannonische Gastfreundschaft" nennt.

Selbst Politiker, an sich ja zur grauen Pragmatik verpflichtet, lassen sich zuweilen anstecken von der pannonischen Atmosphäre, die das Land größer wirken lässt, als es auf den Landkarten den Eindruck erweckt. Gerald Mader zum Beispiel. Als Kulturlandesrat hat er das Burgenland flächendeckend mit "Kulturzentren" überzogen, entnervt durch die Querelen mit seinem Landeshauptmann, Theodor Kery, hat er das politische Handtuch geworfen und sich auf eine Idee versteift, von welcher andere nur als "Spinnerei" redeten: Auf Burg Schlaining im Südburgenland bastelte er an einem "Friedenszentrum". Das vielstimmige Haha! verstummte spätestens am Wochenende mit einer bemerkenswerten Konferenz.

Militärmacht EU?

Nationalratspräsident Heinz Fischer eröffnete am Freitag die Festveranstaltung zum 20. Geburtstag des Friedensinstitutes. Festredner war der Balkan-Koordinator der EU, Erhard Busek. Kroatiens Präsident Stipe Mesic war angereist, der jugoslawische Außenminister Goran Svilanovic, der EU Hoher Repräsentant in Bosnien, Wolfgang Petritsch. Soll die EU zu einer Militärmacht werden? Das war eine der Fragen, die man sich gestellt hat. "Auf keinen Fall", meinte Gerald Mader. Und siehe da: Es wurde ihm zugehört. Den Rahmen zur Festveranstaltung hat eine der Nachfolgerinnen Maders im Amt des Kulturreferats organisiert. Christa Prets, mittlerweile europäische SP-Abgeordnete, hatte zum zweiten Mal europäische Künstler zum Arbeitssymposion in die Cselley-Mühle geladen.

Die dabei entstandenen Werke sind noch bis 15. September auf Burg Schlaining zu sehen. Und Prets hofft, beziehungsweise ist sich sicher, dass diese Künstlertreffen demnächst schon zur burgenländischen Tradition gehören werden. Auch, und nicht zum geringsten Teil, wegen der Gnadenlosigkeit der pannonischen Gastfreundschaft. "Hier", sagt Dr. Ostbahn, "ist alles ein bisserl exzessiver, dauert bis in die Früh." Von Samstagabend bis gestern in der Früh dauerte es im südburgenländischen Bildein, beim dritten "Picture on", einem grenzüberschreitenden Festival. Der Ostbahn Kurti rockte. Und Josko Vlasich mit seiner "Bruji" auch. Vlasich ist im Nebenberuf grüner Landtagsabgeordneter. Aber eigentlich ist er ein Rocker. Und zuweilen eben auch ein Gastgeber. Ein gnadenloser. (DERSTANDARD, Printausgabe,9.9.2002)

von Wolfgang Weisgram
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