Ganz spontan?

9. September 2002, 16:51
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9.9.2002 - Prognosen zum zweiten TV-Duell Schröder - Stoiber

Das zweite TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber solle - was auch immer das bedeuten mag - "spontaner" ablaufen, hieß es im Vorfeld. Das lässt den Schluss zu, dass, wie auch im Fall der ORF-Sommergespräche, derzeit niemand so recht weiß, wie das mit den Politikertalks weitergehen soll.

Wir wagen folgende Prognosen:

a) Die Ära der großen Duelle ist bald vorbei, weil das Risiko eines Absackens von Popularitätswerten wegen kurzfristiger Fehlleistungen zunimmt.

b) Das Feld der Sendebereiche und der TV-Moderatoren, denen sich Politiker stellen müssen, wird sich radikal erweitern - und dies vor allem in den Bereich der professionellen Talkmaster hinüber. Auftritte bei Letterman, Leno und Co. waren zuletzt schon bei den US-Präsidentschaftswahlen Pflicht. Gut möglich, dass also deutsche Kanzlerkandidaten sich in Hinkunft mit Harald Schmidt, Johannes Kerner oder Michel Friedman herumschlagen müssen. Gut möglich auch, dass etwa in Österreich Vera Russwurm oder vergleichbare Moderatoren stärker ins Geschäft dieser "Politik der Gefühle" eingebunden werden.

Dass auf brisante wesentliche Fragen derzeit nämlich nur jene ehrlich antworten, die entweder aus der Defensive heraus polemisch agieren müssen oder schlicht nicht zuständig sind, exerzieren ja sämtliche einschlägigen Show- und Info-Formate vor. Es geht ja meist nicht mehr darum, was man zu sagen hat, sondern welche Worte man findet, wenn man gerade nichts sagen kann oder will. (cp/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

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