Weisheit, Liebe, Gelassenheit

9. September 2002, 11:30
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Oder: "Wie die Dinge wirklich sind" - Ein Kommentar von Peter Riedel zur Kontroverse um das Trimondi-Buch "Hitler, Buddha, Krishna" und das Kalachakra-Ritual 2002 in Graz

In einer vergangene Woche publizierten dreiteiligen Serie wird im STANDARD dem Buddhismus eine "unheilige Allianz vom 3. Reich bis heute" vorgeworfen und behauptet, dass der Buddhismus und der Dalai-Lama gar nicht so friedfertig seien, wie sie der Welt erscheinen.

Zur Untermauerung dieser Thesen haben die Autoren Okkultisten und Naziideologen herangezogen: Diese seien auf tibetische buddhistische Texte gestoßen und hätten daraus teilweise Gedanken für ihre aggressive Ideologie abgeleitet. Dabei werden in einem gefährlichen Umkehrschluss die Tatsachen völlig verdreht - dergestalt, dass die Kriegs- und Gewaltbereitschaft sich in den alten Texten selbst wiederfände und bis in die Gegenwart wirksam sei. Als konkretes Beispiel wird das vom Dalai-Lama inszenierte Kalachakra-Ritual 2002 in Graz angeführt, bei dem an die 10.000 Teilnehmer erwartet werden. Buchautor Trimondi wörtlich im STANDARD: "Um eine aggressive Botschaft (des Kalachakra) gruppieren sich Fundamentalisten, die diese Inhalte in die Realität bringen wollen."

Das ist eine haltlose Unterstellung. Den Autoren dürfte das Gleiche passiert sein wie den braunen Ideologen: Aus Unkenntnis der buddhistischen Praxis haben sie die Texte, im Gegensatz zur Lehrmeinung (Berzin, Steinbereitner, Tauscher etc.), offensichtlich wörtlich interpretiert und können oder wollen nicht sehen, was sie wirklich sind: Anleitungen für einen Übungsweg zur Überwindung des Egoismus. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

Andere Argumente richten sich gegen den Dalai-Lama selbst: Er sei gar nicht so friedfertig, wie er sich öffentlich gäbe. Womit die Autoren eine ähnliche Stoßrichtung verfolgen wie bereits C. Goldner in seinem Buch "Fall eines Gottkönigs", das mittlerweile ausjudiziert ist: In einer Buchbesprechung für die buddistische Zeitschrift Ursache & Wirkung wurde dem Autor scharf widersprochen; vor dem Handels- und dem Strafgericht in Wien kam es zu zwei Prozessen; Goldner brachte keine stichhaltigen Sachargumente für seine Thesen vor; beide Verfahren gingen jeweils in die letzte Instanz; in sämtlichen Punkten wurde für Ursache & Wirkung entschieden.

Edle Wahrheiten

Das besagt viel über die unhaltbaren Vorwürfe gegen den Dalai-Lama. Als ihm der Friedensnobelpreis verliehen wurde, hat das Komitee ebenfalls eingehend geprüft. Weder in Stockholm, noch von irgendeinem Journalisten der Weltpresse wurde jemals Nachteiliges über ihn berichtet, die Friedfertigkeit seiner Politik und seiner Religion sind für Millionen Menschen offensichtlich.

Eines zeigt die ganze Debatte allerdings deutlich: Viele wissen sehr wenig über den Buddhismus, und die aktuelle Kontroverse bietet immerhin die Chance, dieses Defizit zu beheben. Buddhismus ist ein methodischer Übungsweg, dessen Ziel es ist, ein liebevoller, weiser, reifer Mensch zu werden und allen anderen Menschen (Wesen) zu dienen. Buddha war kein Messias. Er verkündete in den so genannten Vier Edlen Wahrheiten eine auf seinen eigenen Erkenntnissen beruhende Lehre. Darin wird dargelegt, wie jeder Mensch seine unvollständigen Anlagen (Drei Wurzeln) überwinden kann: das Begehren, (Gewinnstreben, Unmäßigkeit), die Aversion (Ablehnung, Hass, Neid) und die Unwissenheit (nicht erkennen, wie die Dinge wirklich sind).

An diesen Wurzeln leiden wir so lange, bis wir sie loslassen. Danach entwickeln sich ganz von selbst Großzügigkeit, Freundlichkeit und Klarheit. Im Edlen Achtfachen Pfad wird der Weg zu diesem Ziel beschrieben: Im ursprünglichen (Theravada-)Buddhismus entwirft man von sich ein Idealbild und versucht dann, dem nachzustreben. Mönchen und Nonnen sind weltliche Dinge (Geldverdienen, Sexualität) verschlossen. Historisch wurde ihnen gelegentlich unterstellt, sie kümmerten sich zu sehr um sich und nicht genügend um die anderen. So kam später im Mahayana-Buddhismus (Zen) das Dienen als zentrale Übung (Bodhisattva-Gelübde) dazu. Beide Wege sind nicht einfach, der Egoismus ist beharrlich und ihn zu lösen ist schwierig. Schließlich entstanden die noch komplexeren Methoden des tibetischen (tantrischen) Buddhismus. Die Begierden (Ehrgeiz, Zorn, Sexualität) werden nicht mehr ausgeklammert, sondern selbst dazu verwendet, sie zu überwinden. Man kann sie als Dünger, quasi als Schubkraft auf dem Weg zur Erleuchtung bezeichnen.

Geistige Bereicherung

Dazu gehören auch die Methoden des Kalachakra-Rituals und seine symbolischen Passagen über Kriege und Visionen eines Endkampfes. In tibetischen Texten und in deren Ikonografie (Bilderwelt) gibt es rasende und friedfertige Figuren (Buddhas), die unsere eigenen Begierden und Neurosen darstellen. Wegen der Gefahr möglicher Missverständnisse (siehe Trimondi) ist ständige Aufmerksamkeit bei der Praxis wichtig - sowohl vonseiten der Schüler als auch der Lehrer. Deshalb sind gute kritische Bücher über den Buddhismus durchaus erstrebenswert.

Es wird dem Westen vorbehalten sein, seine Übungspraxis weiterzuentwickeln und dabei darauf zu achten, sie nicht zu entstellen oder zu verwässern. Ich denke, Buddhismus kann eine wunderbare Ergänzung, ein Gegengewicht zu unserer vorwiegend materialistischen Kultur sein. Seine Methoden - Meditation, Achtsamkeit, Visualisierung, etc. - sind eine große geistige Bereicherung, und immer mehr Menschen wenden sich ihnen zu.

Bei stetiger Übung können sie zur vollen Entfaltung des menschlichen Potenzials führen: zu dauerhafter Weisheit, Liebe und Gelassenheit. (Peter Riedel ist Präsident der Buddhistischen Religionsgemeinschaft in Wien)

Von Peter Riedl

Der Autor ist führenden Austrobuddhist

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