Klangwerdung des Individuums

8. September 2002, 21:18
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Dialog zwischen Fernost und Europa: Die "Klangspuren 2002"

Schwaz - Aus dem Urgrund der Stille nimmt langsam ein Ton Gestalt an, ein Es; allmählich bemerkt man darunter, unauslotbar, zwischen Geräusch und Ton, die Tiefendimension. Dann der erste Einsatz des Solisten: Er nimmt diesen Ton auf, wenig später setzt er ein D daneben - Konturen zeichnen sich ab. So beginnt das Klavierkonzert Silent sea von Toshio Hosokawa, uraufgeführt bei den Klangspuren Schwaz am Freitag vom City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sakari Oramo und dem Pianisten Thomas Larcher.

Was da geschieht, ist nichts Geringeres als die Geburt des Individuums: Menschwerdung als Klangwerdung, Geburt und Tod - das ist ein Grundthema von Hosokawas Schaffen: In Tabibito ("Wanderer"), seinem Konzert für Schlagzeug und Orchester tags zuvor, als markantem Schlusspunkt des Eröffnungskonzerts mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Georg Schmöhe, ist es der Schlagzeuger (fulminant: Isao Nakamura) der mit dem quasi rituellen Heben der Arme den ersten Schlag auf die Trommel zum kosmischen Ereignis werden lässt.

Schwerpunkt Japan

Die Klangspuren in Schwaz stehen in diesem Jahr ganz im Zeichen Japans. Als Mitinitiator hat sich Toshio Hosokawa auch darum gekümmert, dass acht weitere, jüngere Kolleginnen und Kollegen beim Festival Aufführungsmöglichkeiten bekommen. Vielfach ist dabei japanisches mit europäischem Komponieren konfrontiert.

Eine zentrale Figur bei den Schwazer Klangspuren ist etwa auch dieses Jahr Wolfgang Mitterer, dessen ganz eigene Begegnung mit Japan das zweite Festival-Wochenende präsentieren wird. Seinen Einstand hat Mitterer einstweilen am Samstagabend gegeben: mit Silbersandmusik, einer grandiosen Klangaktion für Blaskapellen, Bläsersolisten, Vokalisten, Kinderchöre und Orgel - Klänge des Werdens und Vergehens, wie Hosokawa wahrscheinlich sagen würde. (Christoph Hahn/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

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