Frau Justizministerin im Frauengefängnis

8. September 2002, 19:39
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Ressortchef Dieter Böhmdorfer hatte japanische Amtskollegin zu Arbeitsgesprächen geladen

Schwarzau - Mayumi Moriyama zeigte sich gleichsam interessiert wie geschmeichelt. "Japanische Technik" wurde der japanischen Justizministerin vom Leiter der niederösterreichischen Frauenjustizanstalt Schwarzau stolz beschieden - mit Fingerzeig auf Videorekorder und Fernseher.

Der Vertreterin des Kaiserreiches war ein Schwarz-Weiß-Streifen aus Zeiten der Monarchie gezeigt worden: Die Vermählung des späteren österreichischen Kaiserpaares Karl und Zita, die einander in der Schwarzau das Jawort gegeben hatten, lange bevor das Schloss 1957 zu Österreichs einzigem Frauengefängnis umfunktioniert wurde.

FP-Justizminister Dieter Böhmdorfer hatte bis Ende vergangener Woche seine japanische Amtskollegin Mayumi Moriyama zu Gast. Diskutiert wurde über die Bekämpfung des Terrorismus und der organisierten Kriminalität. In "konstruktiven Arbeitsgesprächen", erklärte der Ressortchef, sei auch die "Vereinfachung des Übergabeverfahrens" diskutiert worden: der Austausch von Österreichern, die in Japan im Gefängnis sitzen, gegen Japaner, die hierzulande einsitzen. "Nur auf Wunsch der Betroffenen", schränkte Böhmdorfer ein, immerhin gibt es in Japan die Todesstrafe. Wann ein derartiges Abkommen unterzeichnet wird, ist noch offen.

Interessiert habe sich die Justizministerin generell für den Strafvollzug in Österreich, der laut Böhmdorfer Vorzeigecharakter habe. Daher die Besichtigungstour.

In der Schwarzau, nachdem auch das Kaiserzimmer beäugt worden war, informierte sich der Staatsgast vor allem über den Mutter-Kind-Bereich. Eine eigene Abteilung bietet acht Frauen mit ihren Kindern eine Art Wohngruppenvollzug, auch ein anstaltseigener Kindergarten steht zur Verfügung. Bis zum Alter von drei Jahren können Kinder mit ihren delinquenten Müttern dort leben, dann kommen sie zur Familie der Gefangenen oder zu einer Pflegefamilie.

Insgesamt sitzen derzeit 141 Frauen, fünf von ihnen lebenslang. In Einzelzelle 122 beispielsweise Witwe Elfriede Blauensteiner, die ihren zuckerkranken Männern vor deren zu frühem Ableben ein wenig zu viel Glukosesenker in den Kaffe geschüttet hatte. An ihrer Zellentür prangt der Vermerk "Diabetikerin". (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

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