Oh Gelse, oh Schutz vor ihr

8. September 2002, 18:51
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Burgenlands Stellvertreterwahl und ein nerviges Thema: "Jörg Haider"

Eisenstadt - "Die Gelsen", sagt Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, wenn man ihn auf das bemerkenswert insektoide ORF-Sommergespräch mit Werner Mück (!) in Purbach am Neusiedler See anspricht, "die Gelsen habe ich gar nicht gemerkt. Aber in der Maske haben sie mir so ein Schutzmittel draufgeschmiert, und dadurch habe ich ein wenig gekünstelt gewirkt." Wolfgang Schüssel meinte das in Bezug auf die abendlichen Himmelsbewohner am Meer der Wiener. Aber der Satz hat seine Gültigkeit über den konkreten Anlass hinaus. Wenn man so will: Jetzt schmieren sich alle ein Gelsenschutzmittel auf die blanke Haut. Mag sein, dass Österreichs Innenpolitik deshalb so gekünstelt wirkt.

Leidtragende sind - unter vielen anderen - die burgenländischen Gemeinden. Am 6. Oktober wählen sie ihre Ortsparlamente und direkt die Bürgermeister. Das aus jeweiliger Parteisicht so löbliche Engagement der prominenten Bundespolitiker ist zuletzt allerdings unversehens in eine Art Nationalrats-Vorwahlkampf hineingekippt. Den - noch zögerlichen - Beginn machten der Kanzler und sein Team vergangene Woche beim "Österreich-Tag". Seine Rede auf Burg Lockenhaus war eine fulminante Wahlkampfrede. Für die Bundes-ÖVP, unbrauchbar allerdings für jeden schwarzen Bürgermeisterkandidaten.

Am Samstag reiste Alfred Gusenbauer nach Eisenstadt, wo er beim Landesparteitag eindrucksvoll angewidert "Pfui Teufel!" rief, nachdem ihm nichts anderes übrig geblieben war, als doch über die bundespolitische "Schmierenkomödie" ins Reden zu kommen. Und weil er schon im Burgenland war - neben Wien die letzte rote Bastion - erinnerte er die Genossen auch an den von ihm gerne verwendeten Slogan: "Was gut ist für Rot-Gold, kann nicht schlecht sein für Rot-Weiß-Rot". Und überhaupt: "Seit den burgenländischen Landtagswahlen haben wir jede Wahl gewonnen." Sein lang akklamierter Ruf nach Neuwahlen war die logische Konsequenz, denn "die Wende ist zu Ende".

Nachvollziehbarerweise sieht man das bei der FPÖ um eine Spur anders. Geschäftsführer Norbert Hofer freut sich vorderhand, dass die Freiheitlichen unerwarteterweise in 118 der 171 Gemeinden antreten werden. Johann Tschürtz freilich, der Landtagsabgeordnete mit reichlich kommunaler Erfahrung, weiß: "Ohne unseren internen Streit wären es sicher noch mehr gewesen."

Die gestandenen Gemeindepolitiker - und das Burgenland besteht zu 99 Prozent aus solchen - ächzen. Ob beim SPÖ-Parteitag, beim ÖVP-Funktionärstreff in Lockenhaus, bei der FP-Parteileitungssitzung in Stoob. Es gab nur ein Thema. Ein nerviges: Jörg Haider. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

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