Mit gemäßigter Angriffstaktik zum klaren Heimsieg

8. September 2002, 19:26
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Auch in München verzichtete Edmund Stoiber auf scharfe Töne

Es war ein Heimspiel für Edmund Stoiber. Vor rund 8000 begeisterten Fans eröffnete der bayerische Kanzlerkandidat der CDU/CSU am Wochenende in der Münchner Olympiahalle wieder einmal die "heiße Phase" des deutschen Wahlkampfs.

"Jo mei, einisogn soll er's den Roten halt", lautete der Tenor auf den Gängen der Halle, und "Edi", wie Stoiber in Bayern liebevoll genannt wird, erfüllte die Wünsche mit Hingabe. Einmal mehr geißelte Stoiber die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder, dem er vor allem Versagen in der Wirtschaftspolitik vorwarf. Deutschland sei beim Wachstum zum Schlusslicht Europas geworden.

Mit mehr als vier Millionen Arbeitslosen habe Schröder sein eigenes Versprechen gebrochen, die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken. "Das haben die Menschen in Deutsch- land nicht verdient", donnerte der CSU-Chef in die Olympiahalle, "wir brauchen einen Wechsel." Dankbarer Applaus brandete auf. Stoiber, im noblen dunklen Zwirn mit roter Krawatte, freute sich sichtlich und kündigte für den Fall eines Wahlsieges eine umfangreiche Reform des Sozial- und Steuersystems an: "Wer arbeitet, muss mehr in der Tasche haben." Der Applaus wurde lauter.

"Flasche leer"

Besonders die maßvollen Schmähungen von Gerhard Schröder kamen beim Publikum hervorragend an. "Vor Jahren hat Schröder einmal gesagt, hol mir noch eine Flasche Bier, sonst streik' ich hier", erzählte Stoiber launig: "Heute müsste er mit Giovanni Trappatoni sagen, Flasche leer, wir haben fertig." Besonders dieser Gag brachte die Halle zum Kochen, die Vertreter der CSU-Ortsgruppen von Dagelfing bis Trudering klopften sich vor Lachen auf die Schenkel. Immerhin war der heutige italienische Nationaltrainer Trappatoni einst bei Stoibers Lieblingsverein Bayern München tätig. Auch die ausländische Prominenz, die aus der steirischen "Landeshauptmännin Waltraud Klasnic" (O-Ton CSU-Generalsekretär Thomas Goppel) und Exaußenminister Alois Mock bestand, strahlte glücklich.

Stoiber - "Ich bin der Spielführer eines perfekten Teams" - blühte ob dieser Publikumsreaktionen richtig gehend auf, sein Lächeln wurde breiter, sein Vortrag schmissiger. Dennoch griff Stoiber nicht zum Letzten. Wo im vorbereiteten Manuskript vom "Lügner Schröder" die Rede war, sprach Stoiber nur von "Unwahrheiten, die der Kanzler manchmal verbreitet".

Stoiber nimmt sich offenbar bewusst zurück. Seine Berater erzählen, dass sie ihm zu einem "Wahlkampf mit Schlafwagencharakter" geraten haben und damit großen Erfolg ernten. Der CSU-Chef ist wählbar geworden, weil er darauf verzichtet hat, zu viel Profil, vor allem zu viel konservatives Profil zu zeigen.

Der Bayer hat es bisher klug vermieden, Nebenkampfplätze zu betreten. Nur eines zählte: seine Wirtschaftskompetenz. Ansonsten nur nicht anecken, ist die Devise. Stoiber wurde zum Entertainer und erfüllte diese Rolle zumindest in München perfekt: Nach eineinviertel Stunden Rede endete sein Heimspiel mit einem klaren Heimsieg.(DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2002)

Gerhard Plott aus München
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