Der 11. 9. und die Rechtsextremen

10. September 2002, 16:19
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Von "Aula" bis "American Intifada" - ein derStandard.at-Hintergrundbericht

Wien – Vor dem Jahrestag der Terroranschläge in den USA häufen sich in der internationalen Neonaziszene Drohungen und Gewaltaufrufe. Im Gefolge des islamistischen suicide bombings rüsten Rechtsterroristen zum vernichtenden Schlag gegen den „Zionismus“ und das von diesem angeblich beherrschte „System“. Entsprechend häufen sich die Nachrichten über Waffen- und Sprengstofffunde bei Neonazis.

Anschläge als "Befreiungskrieg"

Die Anschläge wurden in der Nazi-Szene legitimiert, ja sogar begrüßt und gefeiert. Das Deutsche Kolleg verfasste etwa unmittelbar nach dem 11. September eine Erklärung. In dieser werden die Anschläge als Teil eines „Befreiungskrieges” bezeichnet. Sie würden das „Ende des Amerikanischen Jahrhunderts, das Ende des globalen Kapitalismus und damit das Ende des weltlichen Jahwe-Kultes, des Mammonismus (markieren).” Schließlich heißt es: „Die militärischen Angriffe auf die Symbole der mammonistischen Weltherrschaft sind – weil sie vermittelt durch die Medien den Widerstandsgeist der Völker beleben und auf den Hauptfeind ausrichten – eminent wirksam und deshalb rechtens.”

Das "böse" New York

Diese Erklärung liest sich nicht zufällig wie das Bekennerschreiben zu den Anschlägen: Mit den Attentätern teilen die Neonazis den antisemitischen Wahn, der sie in den USA und vor allem in New York („Jew York“) das Böse schlechthin sehen lässt. Diese Stadt verkörpert für sie alles, was sie hassen und daher mit den Juden und Jüdinnen identifizieren: Moderne, Säkularität, Multikulturalität, Urbanität, Liberalität. Daneben sind es die massiven Revanchegelüste angesichts des Beitrages der USA zu Zerschlagung des „Dritten Reiches“, welche Neonazis die Anschläge feiern ließen.

Presserechtlich verantwortlich für diese Erklärung ist der NPD-Kader und Rechtsanwalt Horst Mahler. Viele staunen über dessen Wandel vom linksradikalen RAF-Militanten zum Neonazi. Dabei wäre gerade im Antizionismus und Antiamerikanismus des deutschen „Revolutionärs“ die Kontinuität, die den Wandel erklären hilft, zu erkennen.

Aula: "Anschläge als Vergeltung für Palästinenser"

Die FPÖ, insbesondere ihr burschenschaftliches Vorfeld, sieht heute in Horst Mahler einen der Ihren: Im November 1999 referierte Mahler auf Einladung der Freiheitlichen Akademikerverbände in Wien. Und erst am 8. Mai dieses Jahres zollte der FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler bei der Trauerkundgebung aus Anlass der Kapitulation Nazi-Deutschlands Mahler Respekt als jemanden, der einen „enttabuisierten Umgang mit der Zeitgeschichte“ pflege und dafür „verfolgt“ werde.

In der Aula, dem Organ des burschenschaftlichen FPÖ-Vorfeldes, bezeichnete Walter Marinovic die Anschläge „als Vergeltung für Ermordung und Vertreibung der Palästinenser, für Bomben auf Bagdad und Belgrad, Hiroshima und Nagasaki, für Terrorangriffe auf Dresden, Hamburg und Wien“. Marinovic weiter: „’Menschenverachtend’, sonst als Bannfluch nur gegen die NS-Zeit geschleudert, wird zum inflationären Modewort gegen alle, die einen Osama-bin-Laden-Bart tragen und sich die Herrschaft der Auserwählten (antisemitischer Code für Juden und Jüdinnen, Anm. H. S.) und einzig Guten nicht gefallen lassen.“

"Deutsches Volk litt unter US-Terror"

Die Aula-„Schriftleitung“ kommentierte die Anschläge nicht ohne Aufrechnung und Schadenfreude: „Andere Völker mußten mit ähnlichem Terror – allerdings von amerikanischer Seite – schon viel früher Bekanntschaft machen“, so etwa „unser deutsches Volk“. Es seien die USA gewesen, welche in der Vergangenheit „die Entgleisung der Kriegshandlungen“ ausgelöst und eine „Blutspur“ über die Welt gezogen hätten. Der Aula-„Schriftleiter“ und vormalige FPÖ-Parlamentarier Otto Scrinzi bezeichnete die Attentäter als „politische oder religiöse, aber gewiß nicht im billigen Verständnis kriminelle Fundamentalisten“. Nicht religiös verbrämte Wahnvorstellungen, blinder Hass und kriminelle Energien hätten sich in den Anschlägen entladen, sondern die „Mißachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Palästinenser“, die „bedingungslose Unterstützung der israelischen Nahostpolitik“ und „die Globalisierung des Ausbeutungskapitalismus“ habe auf die USA „zurückgeschlagen“.

Für Hemma Tiffner, Herausgeberin der rechtsextremen Zeitschrift Die Umwelt, stellen die Terroranschläge in den USA eine späte Rache für die „zweimalige(n) Niederschlagung unserer Heimat“ dar. Sie hätten bewirkt, „daß die unserem Volk auferlegte Ohnmacht nicht mehr so unendlich schwer auf uns lastet.“ Tiffner schreckt nicht einmal davor zurück, hinter dem Massenmord einen göttlichen Plan anzudeuten: „Wer sprach nicht selten hinter vorgehaltener Hand die Worte: ‘Endlich läßt der Herr unser Volk wissen, daß er es nicht vergessen hat.’“

Rosenkranz: „perfekten Geheimdienstoperation“

Die rechtsextremen fakten von Horst Jakob Rosenkranz (seine Gattin Barbara sitzt für die FPÖ im niederösterreichischen Landtag) gehen in ihrem Antiamerikanismus noch über das in diesem Milieu verbreitete Ausmaß hinaus. In den fakten wurden die Terroranschläge kurzerhand zur „perfekten Geheimdienstoperation“ erklärt. Während den USA „Bombenterror“ nachgesagt wird, erscheinen die Taliban als in Religion und Volk verwurzelte Kämpfer gegen die Globalisierung: „Wer die Globalisierung, d.h. die Amerikanisierung der Welt anstrebt, kann ‘rückständige’, unbeeinflußbare Regierungen nicht tolerieren. (...) Mit unabhängigen Parlamenten, Staaten oder Völkern kann es keine globale Alleinherrschaft geben. Regierungen, die ihre Legitimation aus einer Religion oder gar ausschließlich aus dem Wohl des eigenen Volkes herleiten, sind lästige Hindernisse auf dem Weg zur (sic!) einer Weltdiktatur.“ Die Globalisierung als „notwendige Vorstufe zur totalen Weltkontrolle“ wird von den fakten erwartungsgemäß als das Werk von „Drahtzieher(n)“ im Hintergrund begriffen.

„WE NEED SUICIDE BOMBERS TOO!!"

Die Anschläge vom 11. 9. erinnerten viele Neonazis an die wüsten Gewaltphantasien, wie sie der jüngst verstorbene William Pierce Ende der 80er Jahre publizierte. Der Führer der US-amerikanischen Neonazitruppe National Alliance schuf mit seinem Machwerk „The Turner Diaries” die Terrorfibel der internationalen Neonaziszene. Unter seinem damaligen Pseudonym Andrew Macdonald ließ er etwa einen Kamikaze mit einem Flugzeug in das Pentagon stürzen. In einer apokalyptischen Szene wird auch die Zerstörung von New York als dem „jüdisch dominierten und verseuchten Zentrum des Weltkapitals” beschrieben. Nachweislich hat sich der Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh bei seiner Tat 1995 von diesem Buch, das auch Anleitungen zum Bombenbau enthält, inspirieren lassen. Auch der unlängst in Südtirol beim Bombenbasteln aufgeflogene Linzer Neonazi Stefan T. verfügt über enge Kontakte zur National Alliance. Und knapp ein Monat vor dem ersten Jahrestag der Anschläge kursierte im Internet folgender Aufruf: „WE NEED SUICIDE BOMBERS TOO!! (...) LETS BRING THE TURNER DIARIES TO LIFE AGAIN!!! SIEG HEIL!!”

"American Intifada"

Eine andere US-amerikanische Neonazitruppe, die Aryan Nations, hat unlängst ein „Ministry of Islamic Liaison“ etabliert. Auf deren homepage findet sich ein Brief eines Palästinensers, der in England lebt. Dort heißt es: „There will never be peace in the middle east or even in the world until every last blood sucking jew is erased off the planet. My problem is your problem, until America’s jew government is brought down, there will never be a free Palestine (…). I pray for the day the American intifada will begin, where Aryan Christian Heros like Timothy MacVain (gemeint ist McVeigh, Anm. H. S.) & Aryan Muslim Heros like John Walker (US-Amerikaner, der auf Seiten der Taliban kämpfte und nun in den USA inhaftiert ist, Anm. H. S.) can fight side by side until America is free again.”

Auch im deutschsprachigen Raum häufen sich entsprechende Aufrufe. Im Forum des neonazistischen Wikinger-Versandes, der wohl bedeutendsten virtuellen Tratschecke in der deutsch-österreichischen Neonaziszene, platzierte etwa ein „Nordman“ am 1. September folgenden Eintrag: „Eines Tages wird es auch in Deutschland eine Intifada geben........HAMAS LÄSST GRÜSSEN!!! 3........2.......1......BUM!!!!!!!“.

Der Autor, Heribert Schiedel, ist Mitarbeiter des DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes)

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    Anti-Amerikanismus und der Hass auf das "jüdische" New York, sind, nicht nur der Rechtsextremen vorbehaltenen, Ressentiments.

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