"Wo warst du?"

7. September 2002, 00:05
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COMICS ZU 9/11: Die fünf bemerkenswertesten sind nachdenklich, pathetisch, kritisch, religiös, experimentell - alles außer komisch

Mit ihrem Angriff auf New York haben die Terroristen am 11. September 2001 nicht nur das Herz der Finanzwelt, sondern auch das Zentrum der Comic-Industrie getroffen. Keine andere Stadt der Welt weist eine höhere Dichte an Verlagen, Zeichnern und Autoren auf, die sich dem Medium Comic verschrieben haben. Nicht nur das: Auch viele Comic-Figuren und Superhelden bevölkern New York, allen voran Peter Parker alias "Spider-Man".

Bereits wenige Wochen nach den Anschlägen reagierte die Comic-Szene mit ersten Sonderheften und Benefizbänden. Für viele Zeichner und Autoren war die Mitwirkung daran nicht nur ein Akt der Solidarität mit den Angehörigen der Terroropfer, sondern auch eine erste Möglichkeit, sich in kreativer Form mit den dramatischen Ereignissen auseinanderzusetzen.

Einige Comic-Künstler versuchten dabei, die Lebensgeschichte oder die letzten Lebensstunden einzelner am 11. September getöteter Menschen nachzuzeichnen. Andere versuchten sich bildlich vorzustellen, was im Inneren der entführten Flugzeuge vorgegangen sein könnte. Wieder andere schilderten, wie sie persönlich den 11. September erlebt haben, sei es in New York oder in anderen Teilen der USA.

Die Comics überliefern so eine Fülle von Momentaufnahmen und Stimmungsbildern vom Tag der Anschläge und halten Szenen fest, die sich in den Menschenansammlungen im Umkreis des World Trade Center, in plötzlich stehengebliebenen Zügen oder auch in den Tagen und Wochen danach im sich nur langsam wieder normalisierenden Alltagsleben abgespielt haben. Die nach dem 11. September erschienenen Benefizbände und Sonderhefte sind damit auch Zeitdokumente. Fünf der Comic-Bücher zum Thema 9/11 ragen heraus und werden nachfolgend, in der Reihenfolge ihres Erscheinens, vorgestellt.

Die Ergebnisse:

Amazing Spider-Man #36 (Marvel Comics)
Spider-Man war der Erste, der auf die Ereignisse des 11. September reagierte. Mitte November, nur zwei Monate nach den Terroranschlägen, erschien Heft Nummer 36 der Comic-Serie Amazing Spider-Man. Mit einem ganz in schwarz gehaltenen Cover. Im Heftinneren sah man den Superhelden in seinem Spinnenkostüm entsetzt vor den Trümmern des World Trade Center stehen. Spider-Man, der sich in unzähligen Abenteuern als Beschützer der New Yorker Bevölkerung bewährt hatte, musste sich dabei erstmals die vorwurfsvollen Fragen von Passanten gefallen lassen: "Wo warst du? Wie konntest du das geschehen lassen?"

Das eiligst geschriebene "Spider-Man"-Heft stammte aus der Feder von J. Michael Straczynski, der in unseren Breiten vor allem als Schöpfer der Fernsehserie "Babylon 5" bekannt ist. Straczynski gelang es, in seiner von John Romita Jr. gezeichneten Geschichte, erstaunlich differenzierte Töne anzuschlagen. So ließ er Spider-Man vor dem Aufbau von Feindbildern warnen, übte Kritik an Amerikas eigenen religiösen Fundamentalisten und beschwor mit viel Pathos Amerikas Stärke als Schmelztiegel unterschiedlichster Völker und Religionen.

Auf der letzten Seite sah man Spider-Man gemeinsam mit anderen Superhelden Schulter an Schulter mit Feuerwehrmännern, Polizisten, Ärzten, Sanitätern und Soldaten stehen. Straczynskis Botschaft ist klar: Diese realen Helden haben am 11. September Taten vollbracht, die jenen der gezeichneten Superhelden in nichts nachstanden.

Heroes (Marvel Comics)

Spider-Man tauchte kurz darauf auch in einem großformatigen Heft mit dem programmatischen Titel Heroes auf, das der weltgrößte Comic-Verlag Marvel Anfang Dezember herausbrachte. Das Heft, dessen Verkaufserlös den Angehörigen der getöteten Feuerwehrmänner und Polizisten zugute kommt, enthielt jeweils ganzseitige Zeichnungen und Bilder von über 60 Größen des Genres wie Todd McFarlane, Joe Quesada oder Alex Ross.

Von Ross stammt auch das gemalte Coverbild, das in Stil und Motivwahl die religiöse Ikonographie zitiert. In Umkehrung des Pietà-Motivs ist darauf ein Feuerwehrmann zu sehen, der die Leiche einer jungen Frau aus den Trümmern des World Trade Center trägt.

Den anderen Zeichnern dienten als Ausgangsmaterial für ihre Bilder zumeist die bekannten Fernseh- und Pressebilder, deren ikonische Qualität durch die Bearbeitung in Comic-Form noch verstärkt wurde. In vielen Fällen ist dabei eine gewisse Schablonenhaftigkeit zu bemerken, nicht selten gleiten die Bilder auch in Pathos und Kitsch ab.

Zu den wenigen wirklich überzeugenden Beiträgen gehört der von Alan Moore, der als bedeutendster und einfallsreichster Comic-Autor der Gegenwart gilt. Auf einer von Dave Gibbons gezeichneten Doppelseite evoziert Moore in einer traumartigen Sequenz verschiedene Bilder des Bombenkriegs -von Guernica bis Ground Zero.

9-11, Vol. 1 & 2 (DC, Image, Dark Horse, Chaos Comics)
Diese zweibändige Anthologie, die im Jänner 2002 erschien, entstand als Koproduktion von vier Comic-Verlagen. Auf insgesamt über 400 Seiten ist hier alles versammelt, was in der Branche Rang und Namen hat - von lebenden Legenden wie Stan Lee, Will Eisner und Joe Kubert bis zu den aktuellen Stars der Comic-Szene wie Frank Miller, Kurt Busiek oder Neil Gaiman.

Unangenehm fällt dabei der "Spider-Man"Schöpfer Stan Lee auf. Er berichtet in seinem Beitrag von einer "bislang unentdeckten" Fabel von Aesop, die im Reich eines gutmütigen und wohlwollenden Elefanten spielt. Als böse Mäuse die Herrschaft des Elefanten herausfordern, zieht er aus und trampelt sie alle tot. Die Moral der simpelst gestrickten Geschichte liefert Stan Lee gleich mit: "Hecke niemals einen schlafenden Riesen!"

Allerdings werden bei den anderen Autoren kaum Rachegelüste oder Hurra-Patriotismus laut. Es überwiegen im Gegenteil die differenzierten Töne. So erinnert ein Beitrag etwa an das Schicksal der Obdachlosen, die in den Tiefgeschoßen des World Trade Center eine Heimstatt gefunden hatten und deren Tod in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Der Sammelband enthält auch einen gezeichneten Nachruf auf Balbir Singh Sodhi, einen Sikh in Arizona, der wenige Tage nach dem 11. September aufgrund seines Turbans irrtümlich für einen Moslem gehalten und erschossen wurde.

Zu den formal beeindruckendsten Arbeiten zählt die von Mike Mignola (siehe großes Bild auf dieser Seite), dessen Zeichenstil an die Bildersprache der Stummfilmzeit und insbesondere Murnau erinnert. Mignola kontrastiert auf einer Doppelseite Bildausschnitte der Freiheitsstatue und anderer Statuen aus dem New Yorker Stadtbild mit Schnappschüssen vom 11. September: Der Mitarbeiter eines Bergungstrupps auf Ground Zero, der für einen Moment in seiner Arbeit innehält, oder der Spitalsarzt im grünen Operationskittel, der wie gebannt auf das Eintreffen von Verletzten wartet: sie gewinnen dadurch etwas ebenfalls Statueskes und subtil Heroisches.

Ausgewählte Zeichnungen aus den beiden "9/11"-Bänden sind auch im Internet unter www.comics911.com zu sehen.

9-11: Emergency Relief (Alternative Comics)

Abseits der marktbeherrschenden Verlage wie Marvel und DC gibt es im Bereich Comics auch eine rege Alternativ- und Undergroundszene, deren führende Exponenten ebenfalls Stellung zum 11. September bezogen haben. Eine Auswahl von über 60 dieser gezeichneten Stellungnahmen hat der Verlag Alternative Comics in diesem Sammelband veröffentlicht, mit dem das Rote Kreuz unterstützt wird.

Der Sammelband ist weniger aufwendig produziert als die anderen Benefizbände: Kein Hochglanzpapier, kein Farbdruck, dafür sind die Beiträge jedoch experimenteller und gesellschaftskritischer. Herausragend ist dabei eine künstlerisch-abstrakte Bilderfolge von Ashley Wood, in der er heftige Kritik an Sendern wie CNN übt, die den Einschlag der Flugzeuge in die Twin Towers und damit den Tod von Menschen immer wieder gezeigt hätten "als wäre es ein besonders gelungener Spielzug beim Baseball." Neben Ashley Wood sind in dem Band noch weitere bekannte Namen der alternativen Comic-Szene vertreten, wie der für seine skurrilen Comic-Tagebücher bekannte James Kochalka, der streitbare Village Voice-Cartoonist Ted Rall oder Peter Kuper, der kürzlich eine Auswahl von Kafkas Kurzgeschichten graphisch neu interpretiert hat.


James Sturm - Return to Normal

Im Eigenverlag hat der amerikanische Autor und Zeichner James Sturm vor kurzem ein schmales Bändchen veröffentlicht, das gerade einmal sechs Bilder enthält, die bis auf einen kurzen Klappentext unkommentiert bleiben. Diese Bilder sind die bisher vielleicht eindrucksvollste Auseinandersetzung mit dem 11. September und seinen Folgen. James Sturm ist in Comic-Kreisen kein Unbekannter: Sein graphischer Roman The Golem's Mighty Swing wurde im Vorjahr von Time Magazine zum besten Comic des Jahres gekürt. Return to Normal ähnelt in seiner Form einem Bilderbuch für Kinder. Auch in den diversen Benefizbänden sind auffallend viele der Bildergeschichten aus der Perspektive von Kindern erzählt - ein Kunstgriff, der wohl veranschaulichen soll, dass mit dem World Trade Center auch das kindlich-naive Weltbild vieler Amerikaner in sich zusammengebrochen ist.

James Sturm geht allerdings weit darüber hinaus: Er demonstriert mit Return to Normal die Wirkungsmacht von Massenmedien und der von ihnen verbreiteten Bilder.
Als Ausgangspunkt diente Sturm dabei das Kinderbuch Airport von Byron Barton, das er in den Wochen vor den Terroranschlägen jeden Tag seiner kleinen Tochter vorgelesen hatte. Airport zeigt Alltagsszenen auf einem amerikanischen Flughafen, die Sturm nach dem 11. September graphisch überarbeitete. Er ersetzte die fröhlich-bunten Bilder des Originals durch Grautöne und veränderte Details an den dargestellten Figuren. Ein Bild zeigt einen Zubringerbus, der vor dem Flughafengebäude hält. Aus dem Bus steigt eine hagere Gestalt mit Turban und Vollbart. Im Hintergrund ist ein Flugzeug im Steilflug zu sehen. Wie lange wird es dauern, bis man solche Bilder wieder ohne Hintergedanken wird sehen können? (DER STANDARD, Printausgabe vom 7./8.9.2002)

Von Richard Brem

Die vorgestellten Comics sind im "Comic Treff" in der Barnabitengasse 12, 1060 Wien und in anderen gut sortierten Comic-Fachgeschäften erhältlich.
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