Fabulierlust in Nebellandschaften

9. September 2002, 15:14
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Über Terror schreiben: Zur Charakteristik einer Sachbuchgattung

4583 Titel spuckte die Suchmaschine von Amazon aus, als ich sie am 4. September nach Büchern zum Thema "Terror" bzw. "Terrorism" befragte - eine verblüffend umfangreiche Ernte, selbst wenn man den Überschuss an 11. September-Aufregung, von der auch der publizistische Sektor nicht verschont wurde, in Rechnung stellt.

Bei Amazon Deutschland fiel das Ergebnis weit bescheidener, aber mit 398 Treffern immer noch ansehnlich aus. Klar: Nicht jedes dieser Bücher beschäftigt sich mit jener Art von Terror, wie wir ihn am 11. September 2001 auf den Fernsehschirmen zu sehen bekamen, sondern auch mit "Terror" im übertragenen Sinn, dem Terror der Ökonomie zum Beispiel, den die französische Autorin Viviane Forrester zum Gegenstand ihres Anti-Globalisierungsbestsellers machte.

Dieses kleine Minus wird allerdings mehr als ausgeglichen: Durch den Umstand, dass sich viele Bücher mit Terror auseinander setzen, ohne den Begriff explizit im Titel zu tragen, und weil in den Tagen bis zum und nach dem 11. September noch mit einem drastisch anschwellenden Publikationsgeschehen zum Thema zu rechnen ist.

Es ist mithin so gut wie unmöglich, die Sturzflut der Terror-Literatur, die in diesem Jahr über die internationale Leserschaft hereingebrochen ist, auch nur zu überblicken, geschweige denn im Detail zu analysieren, was da geschrieben wurde und geschrieben wird. Als allgemeine Regel kann aber formuliert werden, dass der Leser gut beraten ist, bei dieser sehr speziellen Buchgattung besondere Vorsicht und den gesunden Menschenverstand walten zu lassen.

Bin Laden hat nicht die Angewohnheit, Verleumdungsprozesse gegen seine Biographen anzustrengen und wenige Leser sind in der Lage, Neuigkeiten aus Pakistan oder Afghanistan zuverlässig nachzurecherchieren. So entsteht eine nebelhafte Konstellation, in der die Fabulierlust mächtig angeregt und oft durch keinen Einspruch des Faktischen im Zaum gehalten wird. Selbst CNN-Korrespondent Peter L. Bergen, gewiss ein kenntnisreicher Mann, war sich nicht zu schade, sein Terror-Opus unter dem diskreditierend marktschreierischen Titel Inside the secret world of Osama Bin Laden (Free Press, EURO 28,29)herauszubringen - würde Bergen tatsächlich über die superheißen Spezialnachrichten aus dieser "geheimen Welt" verfügen, wäre ihm erheblich mehr Aufmerksamkeit gewiss.

Nicht wenige Werke zum Thema Terrorismus sind Kompilationsarbeiten - was für sich genommen noch keine Wertung einschließt, weil es gute Kompilationen ebenso gibt wie schlechte. Das von Hilmar Hoffmann und Wilfried Schöller bei Dumont herausgegebene Buch Wendepunkt 11. September (EURO 17,90) liefert zum Beispiel immer noch eine der besten Übersichten über die in diversen Zeitungen und Zeitschriften verstreuten Reaktionen (vor allem) deutscher Intellektueller unmittelbar nach dem 11. September. Aus der kurzen Distanz eines Jahres betrachtet haben die Beiträge auf merkwürdige Art auch schon wieder den Charakter von historischen Dokumenten angenommen.

Wer etwas aus dem normalen publizistischen Terrorumfeld Herausragendes zustande bringen will, der muss freilich schon über spezielle Assets verfügen. Und einiges ragt auch in der Tat heraus - wie etwa die von der Spiegel-Redaktion zusammengestellte Terror-Chronik zum 11. September, in der der Hergang dieses Tages aus den unterschiedlichsten Perspektiven rekonstruiert und analysiert wird (Stefan Aust, Cordt Schnibben, Hg.; 11. September, Geschichte eines Terrorangriffs, Deutsche Verlagsanstalt, EURO 24,90). Ich habe in mehreren amerikanischen Buchhandlungen gesehen, dass die englische Übersetzung dieses Buches an exponierter Stelle ausgestellt war: In einem Land wie den USA, das doch über eine wahrlich lange und Ehrfurcht gebietende journalistische Tradition verfügt, darf das als großes Kompliment gelten.

Eine Hauptattraktion des Buches ist die Akribie, mit der ermittelt wurde, wie Lebenslinien, die erst gleichgültig nebeneinander her liefen, sich mit einem Mal auf höchst dramatische Art kreuzten. Vor allem aber vermittelt sich dem Leser das Gefühl, welche Power eine üppig bestückte Magazinredaktion an den Tag legen kann, wenn sie sich einmal so richtig ins Zeug legt: Insgesamt 48 Reporter, Redakteure, Rechercheure und Grafiker waren an der Erstellung des Buches beteiligt. Selbst John Le Carré war von diesem Buch beeindruckt.

Manche Autoren sind wiederum kraft ihrer politischen Einsicht dazu berufen, mit tiefer gehenden Erörterungen zum Thema aufwarten zu können. Zu ihnen zählt Antony Lake, ehemals Sicherheitsberater von Bill Clinton, jetzt Professor an der Georgetown-Universität in Washington, der mit seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch Six Nightmares (Little Brown and Company, EURO 30,41)eine prophetisch anmutende Vorahnung des Epochenbruchs geleistet hat, der dann mit dem 11. September eintreten sollte. Die momentanen politischen Streitereien um den Irak resultieren exakt aus der Diffusität des Bedrohungsbildes, das Lake unter dem Titel der "ambiguous warfare" als eines der Hauptmerkmale künftiger Kriege und internationaler Auseinandersetzungen minderen Grades beschreibt.

Was hat Saddam Hussein wirklich in seinem Köcher, was führt er im Schilde, hat er Massenvernichtungswaffen oder nicht? Kein Wunder, dass es so überaus schwer ist, aus einer unklaren Konstellation eine überzeugende politische Handlungslogik abzuleiten - aber wenn man Lake glauben darf, wird genau dies der Normalfall sein, mit dem im Zeitalter des fortgeschrittenen Terrorismus zu rechnen ist.

Ein Tip zuletzt: Ein kleiner Glücksfall von einem Buch zum Thema Terror ist das im Verlag des Massachussetts Institute of Technology erschienene Bändchen des Rechtsprofessors Philip B. Heymann, Terrorism and America (MIT Press, EURO 17,53). Heymann vertritt darin die These, dass im Umgang mit Terrorismus der Sinn für Proportionen gewahrt werden müsse - und dass jeder, der mit übergroßer Angst und lauten Rufen nach dem starken Staat reagiert, im Grunde das Geschäft der Terroristen besorgt.

Physische Sicherheit ist eine berechtigte Forderung, die die Bürger demokratischer Staaten erheben dürfen. Aber physische Sicherheit macht nicht das Wesen der Demokratie aus. Freiheit ist ein nicht minder großer Wert - und die Raffinesse und Tauglichkeit jeder Anti-Terrorstrategie bemisst sich für Heymann daran, wie gut es ihr gelingt, diese widerstreitenden Forderungen auszubalancieren.

Heymanns überaus klar formuliertes und durchargumentiertes Buch, das muss man hinzufügen, ist vor dem 11. September 2001 geschrieben worden. Ob dieses Datum an der Grundüberzeugung des Autors etwas geändert hat, ist eine offene Frage, auf deren Beantwortung man gespannt sein dürfte. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 7./8.9.2002)

Von Christoph Winder
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