Die Amerikanische Brille

6. September 2002, 22:52
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Robert Menasse über zweimal 11. September und über eine blass bunte Erinnerung aus der Kindheit

Warum Trauer zum Ritual wird, wenn man das Selbstverständlichste nicht mehr sagen kann. Wo sich ein Bewusstsein der Gemeinsamkeit bilden kann und wo nicht. Was Bilder in der Endlosschleife bewirken und was sie auslöschen. Robert Menasse über zweimal 11. September und über eine blass bunte Erinnerung aus der Kindheit.


Ich bin der erste in meiner Familie, der sich nicht daran erinnern kann, wo er sich gerade befunden und was er just in dem Moment getan hatte, als er von der Ermordung John F. Kennedys erfuhr. Aber heute weiß ich, dass ich mich immer daran erinnern werde können, dass die Ermordung Kennedys das erste Ereignis in meiner Lebenszeit war, das ganz offensichtlich so etwas wie eine globalisierte Gefühlsreaktion hervorrief: Dieses unfassbare Abstraktum einer "Weltöffentlichkeit" war nun auch mit einer Weltinnerlichkeit ausgestattet.

Ich hatte Glück, als Kennedy ermordet wurde: Ich war damals noch kein Zeitungsleser. Einen Fernsehapparat hatten meine Eltern noch nicht, und das Radio war schon längst kein Volksempfänger mehr. Ich hatte also insofern Glück, als meine Gefühle und Reaktionen, mein ganzes Wesen im Augenblick dieses weltgeschichtlichen Ereignisses völlig unschuldig waren - und noch heute, wenn ich an Kennedys Ermordung erinnert werde, habe ich Sehnsucht danach: nach meiner damaligen Unschuld!

Ich kann mich allerdings gut daran erinnern, dass die Tage damals ungewöhnlich hell waren. Es war eine Zeit der Blendungen. Ich sehe mich mit geschlossenen Augen neben meinen Eltern stehen, sie reden mit anderen Erwachsenen, denen sie gerade zufällig auf der Straße begegnet sind, sie alle tragen Sonnenbrillen, meine Mutter hat eine besonders schicke Brille: mit Jalousien! Eine Brille aus Amerika! Sie reden über die Schüsse von Dallas. In der "Wochenschau" sind Bilder zu sehen. Eine kurze Filmsequenz, wie Jackie sich in der offenen Limousine über ihren tödlich getroffenen Mann wirft. Und noch einmal, und wieder. Unausgesetzt, eine ganze Woche lang, und danach bis in alle Ewigkeit muss John F. Kennedy zusammensacken, muss seine Frau sich über ihn werfen, muss die Kamera plötzlich hochfahren auf der Suche nach dem Ort, woher die Schüsse kamen, und da oben war nichts als die texanische Sonne, die nun im Film explodiert.

Ich schaue auf zu den Erwachsenen, sehe mich um, blinzelnd, zwinkernd, so grell war der Schein. Es gab damals keine satten Farben, nur ganz zarte, sehr blasse, so als würde erst jetzt, nach der Durchsetzung des amerikanischen Farbfilms, die Farbe auch in die Wirklichkeit langsam hineinrinnen dürfen. Und ich empfand Eifersucht. Das weiß ich noch: Ich war eifersüchtig auf diese bestürzten, traurigen, geschockten Erwachsenen. Warum? Den Grund dafür liefert die Erinnerung nicht mit, nur soviel, was nicht viel mehr ist als ein Verdacht: Ich glaube, dass die Erwachsenen in ihrer Trauer und ihrem Schock zugleich auch glücklich waren. Warum? Vielleicht weil dieses menschenverbindende Unglück - die Menschen eben verband. In einem ungekannten Ausmaß: Was sich da verband, überstieg nicht nur die Familienbande, jegliches Standesbewusstsein, auch das Nationalgefühl, sondern alle weltanschaulichen Bindungen, die immer Bindungen bloß an einen Teil der Welt sind, und Rassen- oder sonstiges Kollektivbrimborium sowieso.

Mit heutigem Bewusstsein, so unideologisch wie möglich, und so ideologisch wie unvermeidlich, kann man es vielleicht folgendermaßen erklären: Man konnte damals fühlen, wie glücklich Menschen sein können, wenn sie sich als Menschheit empfinden, wie schön die völlige Übereinstimmung mit der Welt ist, diese uralte Sehnsucht, die sich seit Kain und Abel groteskerweise in dem Satz "Alle Menschen werden Brüder" erfüllen wollte. Eine weltgeschichtliche Sekunde lang war es spontan der Fall: sie waren Brüder in der Trauer, Brüder im Schmerz, aber eben Brüder - die Seelen der geschockten Menschen schwangen also im Rhythmus der Ode an die Freude. .

Sachlich, soweit man das überhaupt so sagen kann, hält dieser Befund natürlich der Wirklichkeit nicht stand. Ich sehe in meiner Erinnerung meine Mutter mit ihrer amerikanischen Brille, höre sie sagen, dass "Kennedy uns den Weltfrieden hätte bringen können". Das stimmte schon damals nicht, auf dem Stand der Erfahrungen meiner kleinen Nachgeborenenwelt, weil das Kind, das ich war, natürlich glaubte, ohnehin in Friedenszeiten zu leben, und es stimmt auch und erst recht retrospektiv nicht, weil Kennedy der amerikanische Präsident war, der den Vietnam-Krieg begonnen hatte.

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wo ich mich gerade befunden und was ich just in dem Moment getan hatte, als ich von den Ereignissen des 11. September erfuhr. Davon zu erzählen wird allerdings schon dadurch verkompliziert, dass

ich nicht weiß, mit welchem 11. September ich beginnen soll. Diese Gespaltenheit deutet bereits an, dass ich die spontane Übereinstimmung mit einer sich zivilisiert nennenden Welt und die noch im Schock so schöne Einigkeit mit einer menschlichen Menschheit verloren hatte, just als ein weltgeschichtliches Ereignis diese Reaktion mir in meinem Erwachsenenleben nahelegen sollte. Die Idee einer letztlich verbindlichen, sich geschichtlich durchsetzenden Einigkeit in Hinblick auf Friede, Rechtszustand, Freiheit in Sicherheit, überhaupt auf alle zivilisatorischen Werte, war erschüttert und nur erschüttert, statt sich eben in dieser Erschütterung erst recht und noch einmal zu beweisen. "Ich" kann bekanntlich jeder sagen - aber just das ist heute nichts Verbindendes mehr.

Ich beginne mit dem 11. September, an den auch Sie denken, wenn dieses Datum angesprochen wird: Am 11. September 2001 befand ich mich im Zentrum des Geschehens - also nicht in New York oder Washington, sondern dort, wo das, was an einem singulären Ort der Welt passiert, erst seine weltweite Präsenz bekommt: Ich saß in einem Fernsehstudio. Und wenn man anerkennen muss, dass die mediale Realität nachhaltiger ist als die lokal beschränkte, jeweils physische Wirklichkeit, dann ist es weder Zynismus noch Egozentrik, wenn ich sage, dass ich beim Attentat auf das World Trade Center in New York vor meinen eigenen Augen durch dieses Attentat ausgelöscht wurde.

In meiner Lebensrealität war ich in Mainz, live aber war ich im Fernsehen, um ein Interview für einen deutschen Kultursender zu geben. Wir sprachen gerade davon, dass die Inquisition als historisches Paradigma für den Terror gelten kann, wie er zwangsläufig totalitären Gedankengebäuden entspringt, als auf einmal, just in diesem Augenblick, Unruhe im Studio aufkam. Ich sah das hochirritierte Gesicht der Moderatorin vor mir, sah mich selbst mit erstauntem und fragendem Gesichtsausdruck im Monitor, die Moderatorin stellte noch eine Frage und ich zuckte ratlos mit den Achseln, was, wie mir jetzt nachträglich scheinen will, auf dem Bildschirm so aussah, als wollte ich den Kopf einziehen.

In diesem Moment brach mein Bild auf dem Monitor weg, "ich" war in meiner Live-Situation ausgelöscht, und stattdessen waren nun die Türme des World Trade Centers auf dem Bildschirm zu sehen, der Rauch, der aus einem Turm herauswallte, und da auch schon das Flugzeug, das in einem Bogen, als hinge es an einer Schnur, die unsichtbar von einem Tricktechniker geschwungen wurde, auf den zweiten Turm zuflog.

Ich dachte im ersten Moment, dass ein vorbereiteter Beitrag über einen neuen amerikanischen Katastrophenfilm zu früh eingespielt wurde, und fühlte mich am Boden zerstört. Doch da standen schon alle in diesem Studio beschäftigten Menschen vor dem Monitor. Die Sendung war unterbrochen - und zugleich stimmt dieser Satz nicht, es wurde ja weitergesendet, "die Sendung" ist ja nichts als das Medium, und dieses funktionierte ungebrochen, sendete was das Zeug hielt, nur war jetzt etwas ungleich Wichtigeres auf Sendung, etwas von tatsächlich so großer Bedeutung, dass es natürlich nicht "mich", sondern grundsätzlich die "Kultur" hinausgedrängt hatte.

Ich erzähle das nicht, weil ich meine Person oder gar Mainz für so wichtig halte, sondern deshalb, weil das nun das Ereignis war, bei dem ich, so wie jeder andere auch, nun selbst untrennbar in Erinnerung behalten werde, wo ich mich gerade befand und was ich in dem Moment tat, als es geschah. Und so war es in den folgenden Tagen auch: Jeder wußte und erzählte so wie ich, wo er sich befunden und was er gerade getan hatte, als er von dem Attentat erfuhr.

Und doch: zweierlei war, zumindest nach meiner Erinnerung, anders als die Reaktionen meiner Eltern und überhaupt der "Großen" nach der Ermordung Kennedys. Die eine Differenz hat mit der Entwicklung der Medien zu tun: Nach dem Attentat von Dallas konnten die Medien in kurzer Zeit weltweit bekannt machen, was geschehen ist, und es gab Orte, die die Menschen aufsuchen konnten, um Bilder davon zu sehen. Man fragte einander "Hast Du schon davon gehört?", und nicht: "Hast Du schon gesehen?". Allgegenwärtig war der Schock der Menschen, jedoch nicht die schockierenden Bilder.

Nach dem Attentat vom 11. September 2001 aber gab es keinen Ort, wo nicht die Bilder des Attentats immer und immer wieder zu sehen waren - allgegenwärtig waren also die Bilder, die, ununterbrochen wiederholt, den Schock der Menschen, die auf diese Bilder starrten, allmählich verdünnten. Schon am Abend dieses Tages, nach der ichweißnichtwievielten Wiederholung dieser Sequenzen, die das Flugzeug zeigten, das in einem - fast hätte ich gesagt: eleganten - Bogen in den Turm einschlägt, die in sich zusammenstürzenden Türme, die um ihr Leben rennenden Menschen, die Staub- und Rauchwolken, schon da erschien mir die mitgelieferte vorbildliche Schockiertheit und das repräsentative Entsetzen irgendwie artifiziell.

Und die zweite Differenz: angesichts, buchstäblich: angesichts dieser allgegenwärtig veräußerten Bilder von Trauer, dieses augenblicklich medial reproduzierten vorbildlichen Schocks wollte sich keine Weltinnerlichkeit herstellen, oder besser: wollte so sehr, dass es als Anspruch alle überstieg und sich eher wie eine äußerliche Dunstglocke über die Welt der Zuseher legte. Daher - und ich fürchte, dass ich da nicht übertreibe - gab es auch keine Übereinstimmung der Menschen in einer Menschheitstrauer, keine spontane Solidarität als Gattungssolidarität, keinen systematischen Schock außerhalb des Orts des Geschehens, der ein Schock wegen der Verwundbarkeit des Systems gewesen wäre.

Zweifellos empfand jedes Gemüt Mitgefühl mit den Opfern und den Angehörigen, aber dieses Mitgefühl erkannte sich nicht wieder in der Trauerarbeit der Mitgefühldarsteller in den Medien. Zweifellos zeigte sich allerorts das spontane Bedürfnis nach massiver Solidarität, aber fragend, unsicher, was dieser Begriff in einer solchen Situation konkret bedeuten könnte, aber dieses Solidaritätsgefühl sah sich nicht repräsentiert in der eilfertig hackenzusammenschlagenden "bedingungslosen Solidarität" der politischen Repräsentanten. Jeder einzelne mag schockiert gewesen sein, aber der Schock sah sich nicht zusammengefasst und aufgehoben in den massiv ritualisierten Schockfloskeln der TV-Kommentatoren und Nachrichtensprecher.

Wichtig ist an diesem Punkt Folgendes: Ich rede nicht von einem, möglicherweise sehr zweifelhaften, Eindruck gegenüber den Bildern, sondern von den Bildern selbst. Und es zeigt keinen Zynismus in Hinblick auf diese Bilder, sondern den Zynismus der Vermittler der Bilder selbst, wenn ich also sage, dass nach dem Attentat vom 11. September 2001 kein Glücksgefühl aufkommen wollte und konnte, jenes Glück, von dem ich eingangs gesprochen habe: Wenn nämlich Menschen noch oder gerade in einer Katastrophe sich plötzlich als Gattungswesen begreifen, als Menschen, die verbunden sind mit allen anderen Menschen, weil sie, über alle möglichen Differenzen hinweg, sich in grundsätzlichen Gefühlen und Bedürfnissen mitsammen verbunden sehen. Gattungsbewusstsein ist ja nichts anderes als ein Begriff, der, geprägt lange vor dem Zeitalter der Globalisierung, die Möglichkeit eines globalisierten menschlichen Selbstverständnisses ausdrückt.

Und just im Moment der historisch höchstentwickelten Möglichkeiten zur Herstellung globalen Bewusstseins hat sich angesichts eines schockierenden Verbrechens, das in alle Winkel der Welt ausgestrahlt wurde, nicht einmal in Teilen der Welt Gattungsbewusstsein herstellen können, sondern nur dessen schlimmster Ersatz: nämlich dessen Behauptung. Hier konnten die Bilder nicht lügen. Während ununterbrochen von einem Anschlag auf die freie Welt, von einer Kriegserklärung an die zivilisierte Welt gesprochen wurde, zeigten die Bilder eine immer massiver werdende Demonstration nationaler Symbole: US-Amerikaner, die Stars-and-Stripes-Fähnchen schwenkten, sich in ihre Nationalflagge hüllten, ihre Häuser, Autos, Rucksäcke, Hüte mit Nationalwimpeln schmückten, die Nationalhymne sangen.

Das Attentat vom 11. September 2001 war also nicht nur in seiner Größenordnung zunächst unfassbar, sondern auch in Hinblick auf die Reaktionen, die es produzierte: Es muss wohl buchstäblich als merkwürdig bezeichnet werden, dass man Schock empfindet, Trauer wegen der Opfer und Mitgefühl mit den Hinterbliebenen, und dabei das Wörtchen "nur" verhehlen muss - "nur" wegen der Opfer, "nur" mit den Hinterbliebenen und unmittelbar Betroffenen, weil man keine Übereinstimmung mehr mit jenen empfinden kann, die allgegenwärtig behaupten, den Schock, das Mitleid, die Trauer mit einem zu teilen oder gar für einen zu repräsentieren.

Aus dieser Kluft, dieser Zerrissenheit mag auch die Wut, der Zorn so vieler Menschen entstanden sein - weil der Druck immer stärker wurde, unausgesetzt das Allerselbstverständlichste zu beteuern, bevor man etwas Selbstverständliches zu sagen wagte: Dass man natürlich abscheulich finde, dass man natürlich Mitleid empfinde, dass man natürlich Solidarität und so weiter - aber! Jeder Gedanke, den man zu formulieren versuchte, jede Empfindung, die man auszudrücken versuchte, ohne dass sie den allgegenwärtigen Floskeln entsprach, schien erst nach diesem Aber möglich, und just dieses Aber trennte einen dann dennoch von der Einigkeit, die von jenen hergestellt werden wollte, die einem dieses Aber abverlangten.

Dieser Konflikt dort, wo Einigkeit als selbstverständlich angesehen werden sollte, zeigte sich allerdings nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Globalisierung, sondern diesmal nur besonders komplex. Dieses Zerbrechen der Unschuld, dieser Widerspruch, dass man Ideale verteidigen musste ausgerechnet gegen diejenigen, die sich selbst als das weltweite Interpretationsmonopol ebendieser Ideale ansehen, erlebte ich zum ersten Mal auf prägende Weise an dem anderen 11. September: Dem 11. September 1973. (siehe auch Seite 6, Anm.d. Red.) An diesem Tag putschte der US-amerikanische Geheimdienst, auf Weisung des amerikanischen Außenministers, mit Zustimmung des amerikanischen Präsidenten gegen den demokratisch gewählten Präsidenten des souveränen Staates Chile. Präsident Allende wurde ermordet, eine faschistische Diktatur installiert und von den Hütern der freien Welt gestützt. US-amerikanische so genannte "Spezialisten" halfen mit, tausende Menschen, deren Verbrechen einzig ihre Freiheitsliebe und ihre Zukunftshoffnungen waren, zu foltern und so wie ihren gewählten Präsidenten zu ermorden. Eine zahlenmagische Marotte der Weltgeschichte, eine perfide Laune des völlig verkommenen Weltgeists wollte es, dass am 11. September 2001 etwa gleich viele Menschen in den Türmen des World Trade Centers umkamen, wie am 11. September 1973 im Stadion von Santiago de Chile zusammengetrieben und schließlich ermordet wurden.

Ich war damals, im Jahr 1973, ein junger Mann am Beginn eines Germanistikstudiums und wollte nichts anderes im Leben, als wunderschöne Gedichte schreiben und dafür die Liebe der Menschen und die Anerkennung der Welt erringen. Und plötzlich sah ich mich mit geballter Faust vor der Botschaft der Vereinigten Staaten in Wien stehen, zusammen mit Hunderten anderen, die wie ich die Faust rhythmisch hoch stießen und skandierten: "Allende, Allende, Dein Tod ist nicht das Ende!"

Es war ein trüber Tag, und als besonders trübsinnig empfand ich die Stimmung, die Aggressionen jener, die uns in massiven Medienattacken des Verbrechens des Antiamerikanismus ziehen, weil wir spontan solidarisch mit einem amerikanischen Staat gegen den Übergriff eines anderen amerikanischen Staates waren, und weil wir die Ideale verteidigen wollten, auf die sie uns eingeschult hatten.

Die Kluft, der Widerspruch zwischen den Idealen und der Realität, zwischen Empfindung und Erfahrung, zwischen je individueller Reaktion und politischer Reaktion waren damals primitiver und dadurch transparenter als heute, geradezu holzgeschnitzt im Vergleich. Aber eben weil der Widerspruch so deutlich war, konnte sich damals nicht einstellen, was sich noch 1963 spontan eingestellt hatte und dann 2001 so massiv durchgesetzt werden sollte: eine Einigkeit aller Menschen, die sich als Menschen begreifen, auf der Basis der zutiefst menschlichen Gefühle und zugleich der höchsten menschlichen Ideale.

Was ich 1973 erlebt hatte, war ein brutaler "Angriff auf meine Zivilisation", und zugleich die schockierende Erfahrung, dass die Hüter meiner Zivilisation ausgerechnet für ihren Angriff auf meine Zivilisation meine Solidarität einforderten. Der Vorwurf, dass jede Reaktion, die über eine industriell herausstanzbare "Betroffenheit" hinausgeht, dass jede Konsequenz, die nicht unmittelbar unter die bedingungslose Solidarität mit jenen subsumierbar ist, die grundsätzlich nationale mit globalen Interessen kurzschließen, kurz: der Vorwurf, dass also eine differenzierte, so kritische wie selbstkritische Haltung augenblicklich als "antiamerikanisch" zu gelten hat, hat der Aufklärung größeren Schaden zugefügt als jedes Attentat von antiaufklärerischen Fundamentalisten.

Vielleicht ist dieser Mangel an Selbstreflexion, diese zynisch gelebte Antithese zu den eigenen Idealen, der Grund dafür, dass sich am 11. September tatsächlich etwas nie Dagewesenes ereignet hat: An diesem Tag wiederholte sich ein 11. September, und damit ein Angriff auf unsere Zivilisation, aber zum ersten Mal in der Geschichte wiederholte sich eine Tragödie nicht als Farce, sondern wieder als Tragödie. Ist es das, was so große Angst macht? Dass in einem globalen Sinn keine Farcen mehr vor uns liegen, sondern die Tragödien nur noch Tragödien generieren?

Nach dem 11. September trafen sich Berater des Weißen Hauses mit Drehbuchautoren von Hollywood-Katastrophenfilmen zu einem Meinungsaustausch, welche Katastrophenszenarien diese Experten der virtuellen Realität in naher Zukunft für real machbar halten. In der Folge arbeiteten diese Drehbuchautoren ein Papier aus, das, nach einer Pressemeldung von Ende Februar 2002, mit zur Grundlage des militärischen Aufrüstungsprogramms der Vereinigten Staaten wurde. Die dafür notwendige Aufstockung des Militärbudgets der USA beläuft sich in einer Größenordnung, die das neunzigfache des gesamten Staatshaushalts der Schweiz ausmacht. Mit anderen Worten: Der Name eines Individuums, nämlich Osama Bin Laden, ein Name, der jederzeit durch einen anderen ersetzt werden kann, dient heute zur Legitimation der Finanzierung eines (atomaren) Vernichtungsarsenals, dessen Kosten eine Milliarde Menschen in Brot, Bildung und soziale Sicherheit setzen könnten.

Es ist aussichtslos, darüber nachzudenken, solange Welthegemonie mit Globalisierung, Hollywoodphantasie mit Gattungsbewusstsein, Liberalisierung mit Liberalität, Medienallmacht mit unbeschränktem Zugang zu Informationen und die Kritik an der amerikanischen Regierung mit Antiamerikanismus verwechselt werden. Wir sehen die Realität schöngefärbt oder in grellen Farben.

So oder so hat sie nichts mehr mit den Pastellfarben zu tun, die die Welt hatte, als sie so nahe an der Sonne vorbeikurvte und die "amerikanische Brille" eine schicke Torheit und zugleich ein kleines Symbol für eine schönere Zukunft war. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7./8.9.2002)

Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Schriftsteller und Essayist Robert Menasse im Zürcher Schauspielhaus hielt; er wird in dieser Form zum ersten Mal veröffentlicht.
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    Robert Menasse

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