Immer wieder Bombay

13. Mai 2005, 13:48
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Rohinton Mistry lebt in Kanada - und schreibt über Indien

Ich bin in Bombay geboren und aufgewachsen. Damit bin ich gegen Anfälle von Empörung automatisch geimpft", sagt eine der Figuren in Mistrys neuem Roman. Der Autor lebt in Kanada, seine Liebe aber gilt seiner Heimatstadt Bombay, wo er 1952 geboren wurde. Ihr setzt er mit seinen epischen Romanen über das Schicksal kleiner Leute ein eindrucksvolles Denkmal.

Auch diesmal wieder begibt sich Mistry in den Mikrokosmos eines indischen Mietshauses und entwickelt vor dieser morosen Kulisse das Geschick einer einheimischen Mittelstandsfamilie. Als der Familienpatriarch Nariman Vakeel stürzt und fortan von seinen Angehörigen gepflegt werden muss, bedeutet das in einer Gesellschaft, in der weder Arbeitnehmerschutz noch Krankenversicherung üblich sind, eine existenzielle Krise. Da sind seine beiden Stiefkinder, die es Nariman nie verziehen haben, dass er ihre Mutter ungewollt in den Tod getrieben hat: Sie halten den Pflegedienst nicht lange durch. Da ist die leibliche Tochter, die selbst eine Familie hat, in einer viel zu kleinen Wohnung haust und der die Obsorge für den Kranken geradezu erpresserisch übertragen wird. Alte Rechnungen werden wieder aufgemacht, die Geschwister erinnern sich bitter an die Vergangenheit und Nariman selbst bereut, dass er vor langer Zeit einer von seinen Eltern arrangierten Heirat zugestimmt hat.

Denn Nariman und die seinen sind besonderen Gesetzen unterworfen. Sie gehören der Minderheit der Parsen an, jener alten, aussterbenden Religionsgemeinschaft, die bis heute ihre bizarren Begräbnisriten auf den Türmen des Schweigens beibehalten hat und die Heiraten nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft gestattet. Während also Nariman in seine eigene schmerzliche Vergangenheit abtaucht und an das unglückliche verlassene Mädchen denkt, das zu heiraten ihm verboten wurde, kämpft die Sippe ums Überleben.

Mistry beschreibt Alltagskatastrophen, die das Beste wie auch das Schlechteste in Menschen zutage fördern. Trotz all ihrer Schäbigkeit liebt er seine Figuren, beschwört unerwartete Momente des Friedens, der Großzügigkeit und Weisheit. Im Schmelztiegel Bombay leben viele Welten nebeneinander. Die Enkel Narimans lesen mit Begeisterung die Jugendromane Enid Blytons, obwohl die mit ihrer indischen Realität rein gar nichts zu tun haben. Man zitiert englische Dichter, europäische Philosophen, hört Schubert und Brahms und hat noch immer ein überaus ambivalentes Verhältnis zu den ehemaligen Kolonialherren, welche zugleich Hassobjekt und bewundertes Vorbild sind. Trotz all dieser "westlichen" Einflüsse verfällt der Schwiegersohn Narimans zusehends in religiösen Fanatismus. Die Reinhaltungsgebote der Parsen werden zu einer fixen Idee; wer gerade äußeren Zwängen entronnen ist, schafft sich innere.

Und wo bleibt das Glück? Doch, es ist da, in einer einfachen Geste der Zuneigung, in der Stille des Feuertempels, bei einem Festessen. Oder in der Fürsorge für einen traumatisierten Ladengehilfen, dessen muslimische Familie bei den immer wieder ausbrechenden Massakern auf brutalste Weise ermordet wurde. Mistrys Botschaft aus der chaotischen, toleranten und intoleranten Stadt ist trotz allem eine optimistische. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Printausgabe)

Rohinton Mistry
Die Quadratur des Glücks
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. € 25,60/637 Seiten
Krüger Verlag
Frankfurt am Main 2002
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