Zeigen, wo's langgeht

9. September 2002, 14:54
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Wie ein paar Niederländer die New Yorker Airports lesbarer machen

Paul Mijksenaar war wieder einmal unterwegs von Amsterdam nach New York. Nach der Landung würde er wie schon oft das Chaos im Kennedy Airport beobachten, die vielen gestrandeten Passagiere, die sich nicht auskennen. Doch das würde sich ändern, darum war er ja hergekommen. Zu einer Besprechung mit den zuständigen Damen und Herren der Port Authority in ihren Büros im World Trade Center, am folgenden Tag, dem 12. September 2001.

"Die Attacken haben natürlich unser Projekt beeinflusst", sagt Mijksenaar, Chef des niederländischen Büros für "consultancy and design for visual information", das seinen Namen trägt. Sicherheit und Auffinden der richtigen Wege und Ausgänge erhielten eine noch höhere Priorität in der Arbeit, an der er seit 1999 sitzt. Es geht um die Gestaltung der visuellen Information in den drei großen New Yorker Flughäfen JFK, LaGuardia und Newark.

"Signing" hieß es kürzer und bescheidener in der englischen Präsentation und "Wayfinding", eine Art Kreuzung aus Wegweisen und Pfadfinden. Hinter der scheinbar simplen Aufgabe, Anreisenden zu sagen, wo das Klo ist und wo das Gepäck, steckt aber ein Bündel an Überlegungen von der Typografie bis zur Anthropologie. Wie kann man so kurz und so universell verständlich wie möglich Reisenden aus allen denkbaren Kulturkreisen erklären, wo's lang geht? Wie nimmt man ihnen die Unsicherheit, verringert den "Excuse me!"-Quotienten, erhöht das Gefühl des Willkommenseins?

Alles Fragen, mit deren Beantwortung sich Mijksenaars Team seit langem beschäftigt: 1990 bekam es den Auftrag, Amsterdam Schiphol "lesbarer" zu machen. Zusammen mit Singapore Changi ist der niederländische Flughafen laut einer Umfrage des Büros J. D. Power inzwischen der beste in der Kategorie "Kundenzufriedenheit".

Die New Yorker Airports hingegen zählten regelmäßig zu den schlechtesten. Also beauftragte die Betreibergesellschaft Port Authority of New York and New Jersey die Europäer kurzerhand, Abhilfe zu schaffen. "Wir verbrachten zwei Wochen vor Ort und einige weitere in Büros", sagt Mijksenaar. "Es war schlimmer, als wir dachten. Bei Kennedy und LaGuardia hat jede Gesellschaft ihren eigenen Terminal mit eigenen Informationssystemen. Zentrale Abflug- und Ankunftshinweise gibt es gar keine. Die Hinweise in den Gängen, auf den Straßen und Parkplätzen können unterschiedlicher nicht sein."

Angesichts des New Yorker Wildwuchses von sich gegenseitig blockierenden Ämtern und Institutionen sollte man meinen, dass die Niederländer in der Neuen Welt bald angestanden sind. Das Gegenteil war der Fall, sagt der Informationsdesigner. "Es gab keine Komitees, nichts dergleichen. Anders als in Europa waren die Leute für neue Ideen sehr offen und haben von uns erwartet, dass wir ihnen alles erklären. Das war für uns relativ kleine Gruppe von 16 Leuten gar nicht so einfach. Die Amerikaner sagten uns auch, dass wir sehr stur waren im Vergleich zu den einheimischen Konsulenten, die sich schnell den Kundenwünschen fügen. Doch das mochten sie an uns."

Mijksenaar & Co. reformierten vor allem das visuelle Chaos in den drei Bereichen, die den Benutzern am wichtigsten sind: Anschlussflüge erreichen, Services finden und aus dem Flughafen hinauskommen. "Wir schufen eindeutige Farbkodierungen - gelb, anthrazit und grün -, kreierten klare Piktogramme und vereinfachten die Nomenklatur, um sie so allgemein wie möglich zu halten." So ersetzten sie den Hinweis "Courtesy Van", den außerhalb der amerikanischen Mittelschicht kaum jemand versteht, durch das Pidgin-English-kompatible "Free Shuttle". Überhaupt verschrieben sie den Exit-, WC- und sonstigen Schildern einen "visuellen Korridor". Der darf nicht durch kommerzielle Botschaften gestört werden, die ja ansonsten die größte Ablenkung darstellen. Seit dem 11. September steht diese Überlegung noch zentraler in den Köpfen der Verantwortlichen: Tausende Passagiere gleichzeitig muss man erst mal evakuieren können . . .

In den Terminals A und B des Newark Airport und im Terminal 4 von JFK sind die ersten Früchte der Arbeiten von Mijksenaar zu sehen. Bei etlichen anderen Gebäuden geht zurzeit allerdings nichts weiter: Die Port Authority kann die Luftfahrtgesellschaften nicht zwingen, ihre Terminals neu zu beschildern, wenn sie wegen der 9/11-Krise nicht einmal genug Geld haben, ihre Angestellten zu bezahlen. (Michael Freund/DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 7./8.9.2002)

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    foto: bureau mijksenaar
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    Paul Mijksenaar, Piet Westendorp:
    "Open here. The Art of Instructional Design"
    Stewart Tabori & Chang 1999

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