Das Trauma aus dem TV-Gerät

6. September 2002, 19:38
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Der Terror vom 11. September brachte der Traumaforschung neue Einsichten

Der Anschlag auf das World Trade Center verwandelte die USA in ein großes Labor, in dem Wissenschafter die Auswirkungen der Tragödie auf Millionen Menschen beobachteten. Nur der Vietnamkrieg, als Heimkehrer über Albträume, Schlaflosigkeit, peinigende Erinnerungen, Schuldgefühle und leichte Erregbarkeit klagten, war eine ähnliche rare Gelegenheit für die Traumaforscher. Dieses Symptombündel fand dann zu Beginn der Achtzigerjahre als posttraumatisches Belastungssyndrom, kurz PTBS, Eingang in die Diagnosehandbücher.

Eine Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA 288, S. 581), schätzte kürzlich, dass in den Vereinigten Staaten rund 500.000 Menschen infolge des 11. September an PTBS erkrankten. Dabei, so belegte die Untersuchung überraschend, reichte es für manche offenbar aus, die über alle TV-Kanäle ins Heim gespülten Terrorbilder zu sehen, um die Symptome des posttraumatischen Belastungssyndroms zu entwickeln. Bisher glaubten Forscher, dass man diese Störung nur beim unmittelbaren Erleben eines schrecklichen Ereignisses auftritt.

Was sich dabei im Gehirn abspielt, erforscht inzwischen der Neurobiologe Scott Rauch vom Massachusetts General Hospital in Boston. Er stellte fest, dass PTSB-kranke Kriegsveteranen eine überaktive Amygdala haben, einen mandelförmigen Teil des limbischen Systems tief im Gehirn, in dem Gefühle ihren Sitz haben. Sie reagiert vor allem, wenn der Mensch alarmiert ist.

Gleichzeitig sendet diese Struktur aber offenbar kaum Signale an den präfrontalen Kortex, das Gehirnareal, das dem Menschen bei der Beurteilung emotionaler Erfahrungen hilft. Die Folge: Rauchs Probanden fühlten sich bedroht, selbst wenn sie sich in sicherer Umgebung aufhielten.

Die Traumata lassen sich vielseitig behandeln, mit Therapien bis hin zu Psychopharmaka. Mancher Arzt bietet jedoch ungewöhnliche Methoden an, sich von den peinigenden Bildern der einstürzenden Türme zu befreien.

Bilder überschreiben

Barry Krakow vom "Sleep und Health Institute" in Albuquerque, Neumexiko, schlägt vor, die Horrorbilder mit im Wachzustand eingeübten, positiven Bildern zu "überschreiben". Der Mediziner verweist darauf, dass Träume nach Katastrophen das Erlebte meist nur noch einmal abspielen und so die emotionale Heilung fördern. Lassen die Albträume aber nicht nach, wirken sie zerstörend - gleich einer Schallplatte mit Kratzer traumatisieren sie den Schläfer durch Wiederholung derselben Passage stets aufs Neue. Eine vergangenes Jahr im renommierten JAMA (286, S. 537) veröffentliche Studie belegte, dass die Therapie meist funktioniert. Inzwischen haben auch psychisch verstörte Opfer des Attentats auf das World Trade Center so ihre Albträume gebändigt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 9. 2002)

Von Hubertus Breuer aus New York
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