ATX zieht Strümpfe aus

6. September 2002, 22:12
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Wolford fällt aus dem ATX - Arg geschrumpfte Umsätze

Wien - Die Wiener Börse hat wieder an ihren Marktsegmenten gefeilt. Der Vorarlberger Strumpf- und Bodyspezialist Wolford ist erwartungsgemäß aus dem Leitindex ATX gefallen und wurde prompt ersetzt durch einen anderen Spezialisten: den Gummihersteller Semperit. Was Wolford bei Umsatz und Marktkapitalisierung nicht mehr brachte, das konnte sich Semperit auf seine Fahnen schreiben. Aber auch die Immofinanz.

Die größte heimische Immobiliengesellschaft hätte demnach auch in den Wiener Olymp der Topaktien aufsteigen können, schaffte aber den Sprung nicht. Hauptkritikpunkt: offene Fragen in der technischen Handhabe der Aktien. Dazu gehört das Risiko für den Indexhandel angesichts der mangelnden Derivate. Was bedeutet: Die Immofinanz wäre zu schwerfällig, sie wäre unter den Banken kaum auszuleihen - nach der so genannten Wertpapierleihe - und könnte dem gesamten Markt schaden. "Das bedeutet nicht, dass Immofinanz definitiv ausgeschieden ist, bis sich die offenen Fragen klären lassen, wird es als Reservewert vorgeschlagen", meint Wolfgang Matejka, Mitglied des ATX-Komitees und Vontobel-Vorstand.

So sehr die Umstellungen Staub aufgewirbelt zu haben scheinen - die SW Umwelttechnik hat sich nebenbei wegen zu geringen Mindeststreubesitzes vom Prime Market in den Continuous Market verabschiedet -, so wenig bewirken sie für den Börsenplatz insgesamt: Ob Wolford oder Semperit, ist nicht mehr die Frage.

Umsätze schrumpfen

Wirft man einen Blick auf die Tagesumsätze der vergangenen Wochen, muss man erblassen: Wurden noch vor zwei Jahren täglich 105 Millionen Euro gehandelt, waren es in dieser Woche zwischen 40 und 60 Millionen. Da kann man auch schlecht auf die bessere Performance des Marktes gegenüber den ringsum darniederliegenden Börsen verweisen. Die Liquidität bleibt das viel gepriesene Zauberwort, das Wien noch immer vergeblich sucht.

Und schon kündigen sich die nächsten Schatten an. Die staatliche Privatisierungsholding ÖIAG will bis Ende 2006 Nägel mit Köpfen machen und ihre Anteile an zum Teil schwergewichtigen ATX-Unternehmen abgeben, darunter OMV, VA Tech, Telekom Austria. Börsenvorstand Stefan Zapotocky versucht weiter Optimismus auszustrahlen: "Wir hoffen, dass die großen heimischen Unternehmen alles tun, um den Streubesitz zu erhöhen, und dass die Mehrheit der Transaktionen über den Kapitalmarkt geht. Mir sind jedenfalls keine Informationen bekannt, wonach es anders sein sollte."

Das ist die Chance für den Marktplatz Wien. Wird aber abverkauft, bleibt in Wien wohl kein Mauerblümchen mehr, siehe Austria Tabak. (DER STANDARD, Printausgabe 7.9.2002)

Analyse von Esther Mitterstieler
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