"Wir haben kein Geld, kein Saatgut, nichts!"

6. September 2002, 17:44
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Die afghanische Interimsregierung vernichtet mit den Schlafmohnfeldern die Lebensgrundlage der Bauern - Alternativen werden nicht geboten

Duschanbe/Kunduz/Wien - Erinnerungen an den Eisernen Vorhang werden wach: Alle paar Hundert Meter ein Wachturm, ein Elektrozaun, Stacheldrahtzäune, ein Minengürtel. Dahinter der Grenzfluss Panj, der drüben in Afghanistan Amur Darja heißt. 20.000 russische Soldaten sind in Tadschikistan stationiert. Sie sind es, die an der Grenze das Sagen haben.

Über die afghanisch-tadschikische Grenze wird ein wachsender Teil des Heroins (und seines Vorläufers Opium) geschmuggelt, das über Russland nach Europa gelangt. Nach Ende der sowjetischen Besatzung 1989 verdoppelte sich die Anbaufläche für Schlafmohn in Afghanistan von 34.300 auf 71.470 Hektar im Jahr 1994, um unter den Taliban schließlich auf ein Maximum von 90.583 Hektar im Jahr 1999 zu klettern. Das entsprach damals 4565 Tonnen Rohopium - nahezu 80 Prozent der weltweiten Heroinproduktion.

Im letzten Jahr ging der Opiumanbau nach einem Verbot der Taliban in den von ihnen kontrollierten Gebieten gegen null. Die Preise schossen um das Zehnfache in die Höhe. Gegenwärtig schätzen ihn die UN auf 45.000 bis 65.000 Hektar. Die afghanische Interimsregierung hat ein umfassendes Verbot für Anbau und Handel mit Opium erlassen, verfügt aber nicht über die Mittel, dieses Verbot zu vollziehen. Die Sicher 2. Spalte heitslage ist in den meisten Teilen des Landes äußerst prekär. Viele der Warlords finanzieren sich und ihre Clans aus Drogeneinnahmen. Bei Durchschnittspreisen von gegenwärtig über 300 US Dollar pro Kilogramm liegen die Einnahmen bei fast einer Milliarde Dollar.

Ein von der Interimsregierung Karzai unter internationalem Druck begonnenes Programm zur Schlafmohnvernichtung soll 25 bis 30 Prozent der potenziellen Ernte beseitigt haben. Kritiker bezweifeln diese Größenordnung. Sie sprechen von Zweckentfremdung der Entschädigungsfonds für die Bauern und selektivem Vorgehen. Felder der Warlords habe man oftmals ausgespart. Die Kompensationszahlungen an die Bauern seien zu niedrig gewesen. Es kam teilweise auch zu bewaffnetem Widerstand.

Drogen-Killerpilz

"Wir haben kein Geld, kein Saatgut, nichts!", klagt ein Bauer. Neun Millionen Afghanen sind von Nahrungsmittelhilfe abhängig. Die Vorräte gehen zur Neige. Das UN-Welternährungsprogramm (FAO) warnt vor möglichen Hungersnöten. In der derzeitigen Krise könnten Zwangsmaßnahmen gegen den Opiumanbau in Afghanistan so fragwürdig sein wie die Drogenproduktion unmoralisch. Das würde besonders für den Einsatz eines Killerpilzes, Pleospora papaveracea, gelten, der für das Wiener UN-Drogenkontrollbüro (ODCCP) in ehemals sowjetischen Labors für biologische Kampfstoffe in Usbekistan entwickelt wird.

Afghanistans nördlicher Nachbar Tadschikistan gewinnt beim Transit und als Umschlagplatz für Drogen rasch an Bedeutung. Lag sein Anteil an den regionalen Beschlagnahmungen von Heroin im Jahr 2000 bei fünf Prozent, so waren es im letzten Jahr bereits 17 Prozent. Das ODCCP unterstützt daher die tadschikische Regierung beim Aufbau einer eigenen Drogenpolizei. "So, wie die Grenze in unserem Bereich gesichert ist, kommt keine Maus durch", meint der afghanische Grenzkommandeur der Provinz Kunduz, der selbst noch eine sowjetische Militärausbildung genossen hat: "Ohne Komplizenschaft der Russen ist ein Durchkommen von Drogenschmugglern hier ganz undenkbar."

Trotzdem geschieht es fast täglich. Das Risiko ist groß: Grenzpatrouillen schießen, bevor sie fragen. Von Verhaftung, Beweisaufnahme und einem ordentlichen Gerichtsverfahren könne keine Rede sein, sagen Kritiker. Vor allem aber würden nur die behelligt, die es auf eigene Faust versuchen und nicht mit der tadschikisch-russischen Drogenmafia zusammenarbeiten.

Die ehemalige Sowjetrepublik hat sich von fünf Jahren Bürgerkrieg nicht erholt und ist selbst bettelarm. "Das Land lebt zur Hälfte von Auslandshilfe und zur Hälfte vom Drogengeschäft", sagt ein Regierungsbeamter in Duschanbe, der anonym bleiben will: Der stellvertretende Innenminister, Habib Sanginow, fiel im letzten Jahr einem Attentat zum Opfer. Er hatte sich mit der Drogenmafia angelegt. (DERSTANDARD, Printausgabe, 7./8.9.2002)

Robert Lessmann berichtet
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