Hamburg: Brennpunkt der Ermittlungen

6. September 2002, 17:52
posten

Die Hanse-Stadt bleibt im Blickpunkt der Ermittlungen nach den Terroranschlägen in den USA

Die Anschläge des 11. September seien nach den Worten von FBI-Direktor Robert Mueller ursprünglich nicht von der "Hamburger Zelle" um den Ägypter Mohammed el- Amir Awad Elsajjid Atta, sondern von Führern des Al-Qa'ida-Netzwerks in Afghanistan geplant worden. Mueller sagte, die Ursprünge der Verschwörung lägen nicht in Deutschland.

Der FBI-Chef widersprach damit anderen Vertretern der US-Sicherheitsbörden, die davon ausgehen, dass die Anschläge ursprünglich von den Terroristen in der Hansestadt ersonnen wurden: Die führenden Köpfe des Plans hätten sich in Afghanistan aufgehalten und seien hoch in der Hierarchie von Al-Qa'ida angesiedelt. Dem FBI-Chef zufolge wurde allerdings die Planung der Anschläge dann in Hamburg präzisiert.

Mindestens sechs Personen

US-Justizminister John Ashcroft unterstrich hingegen stets die zentrale Bedeutung der norddeutschen Stadt als Planungsbasis für die Attentate. Auch das deutsche Bundeskriminalamt bestätigte, dass die Terrorzelle in Hamburg aus mindestens sechs Personen bestand: Atta, Marwan Alshehhi und Ziad Jarrah saßen in den entführten Flugzeugen, Said Bahaji, der "logistische Kopf" der Gruppe, Ramzi Binalshibh und Zakariya Essabar sind seit den Anschlägen verschwunden, nach ihnen wird gefahndet.

In der deutschen "Sonderkommission USA" arbeiteten zeitweise bis zu 125 Kriminalisten, darunter 50 Beamte des Bundeskriminalamtes und FBI-Agenten. Noch im September war in Hamburg auch die Rasterfahndung angeordnet worden. Eine Soko mit 30 Mitarbeitern sollte in mühsamer Kleinarbeit Zehntausende unterschiedliche Datenbestände durchsieben und so das Umfeld der Terrorflieger erhellen. Nach Polizeiangaben wurden dabei bisher 811 Personen herausgefiltert.

Für den Hamburger Verfassungsschutz ist der "militante Islamismus" in den vergangenen Monaten zu einem "nachrichtendienstlich ganz starken Schwerpunkt" geworden, sagte der dieser Tage abgelöste Amtsleiter Reinhard Wagner. Bereits wenige Tage nach dem 11. September seien sofort Stellen im Landesamt für Verfassungsschutz umgegliedert worden, später wurden 15 Personen neu eingestellt, darunter ein Islamwissenschaftler.

Der Schläfer

Nach Erzählungen von Kommilitonen führte Atta an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg ein normales Studentenleben. Atta hatte sogar eine "Islam AG" in den Räumen der Uni geleitet. Als "Schläfer" zeichnete er sich durch das aus, was bei Experten als unentbehrlich für Topterroristen gilt: Flexibilität.

Zur Vorbereitung der Anschläge reiste Atta um die halbe Welt. Der US-Geheimdienst CIA hatte nach einem Bericht des Time-Magazins Beweise, dass Atta während seines Studiums auch in Ausbildungslagern Osama Bin Ladens trainierte.

Im Juli 2000 reiste Atta von Hamburg aus erstmals in die USA. Fünf Monate trainierte er in Venice im Bundesstaat Florida an der Flugschule "Huffmann Aviation International". Danach kehrte er wieder nach Hamburg zurück.

Zwischen Mai und August 2001 soll sich Atta mit mehreren Komplizen mindestens sechsmal in Las Vegas getroffen haben. Im Juli machte er einen Zwischenstopp in Ägypten, bevor er nach Spanien flog. Dort traf er sich nach Angaben der Regierung wahr 4. Spalte scheinlich mit Mittelsmännern. Nach der Rückkehr in die USA informierte er sich auf einem Flughafen in Florida über die Bedienung von Sprühflugzeugen.

Am Morgen des Terrortages flog Atta von Portland nach Boston. Dort stieg er um sieben Uhr früh in den American-Airlines-Flug AA 011. Zwei Stunden später raste die Boeing in den Nordturm des World Trade Centers. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.9.2002)

Von Gerhard Plott
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.