Mumok bringt "Hommage a Antonin Artaud"

6. September 2002, 15:19
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Schau als "Verdichtung von Obsessionen" mit begehbarer Biografie - dazu "PeaRoeFoam" in der Factory

Wien - Zu einer Begehung des personalisierten "Spiegelkabinetts" Antonin Artaud lädt die erste große Sonderausstellung im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Mumok), "Hommage a Antonin Artaud" (7. 9. bis 17. 11.). Die bekannte Charakterisierung Artauds durch Andre Breton spiegelt sich in der Vitrinenlandschaft der kleinteiligen Ausstellung, die rund 400, zum Teil noch nie zuvor gezeigte Originalmaterialien zu Artaud ausbreitet. Zu finden sind dabei neben einigen der berühmten 406 "Cahiers", die Artaud während seiner Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken füllte, auch Ton- und Filmdokumente.

"Verdichtung von Obsessionen"

Die Schau sei eine "Verdichtung von Obsessionen, der Obsession der Kuratoren, etwas Einmaliges zu schaffen, und der Obsession zu Artaud", meinte Mumok-Leiter Edelbert Köb heute, Freitag, bei der Pressepräsentation. Gleichzeitig zur Hommage eröffnet das Haus im MuseumsQuartier eine Sonderschau zum Umkreis von Artaud mit über 60 Objekten aus den Sammlungsbeständen des Mumok und, als erste Ausstellung in der "Factory" im unteren Bereich des Baus, die Installations-Schau "PeaRoeFoam: My Special Purpose" (7. 9. bis 10. 11.) von Jason Rhoades.

Bekannte Schlagworte zum eigenwilligen Parade-Künstler der europäischen Moderne Artaud (1896 bis 1948), wie das "Theater der Grausamkeit", sollen in der Hommage durch den "Versuch, möglichst vollständig die komplexe Persönlichkeit Artauds in seinem komplexen Werk darzustellen", vertieft werden, schilderte Cathrin Pichler, die gemeinsam mit Hans Peter Litscher die Schau kuratierte. Rund acht Jahre währte die Recherche und die Anlaufzeit zur Schau, die schon unter anderem in der Kunsthalle Wien angekündigt war.

Begehbare Biografie

Anhand eines biografischen Parcours betritt der Besucher die Lebenswelt Artauds, von Kindheitsfotos bis zum allerletzten der "Cahiers" und zu Artauds Totenmaske. Ein Blitzlicht wird auf Artauds wenig bekanntes zeichnerisches Werk geworfen, gezeigt wird auch das Regiebuch von "Les Cenci", in das Artaud neben den Text "wie Fieberkurven" die Bewegungen der Schauspieler einzeichnete. Die Möglichkeit, sich in der komplexen Materie zu verirren, schloss Litscher explizit ins Konzept der Ausstellung ein. Die Schau zieht Querverbindungen von Artaud zu seinen Zeitgenossen sowie zum österreichischem Kunstschaffen der 60er Jahre und ist eine "paradigmatische Ouvertüre für das weitere Ausstellungsprogramm", so Mumok-Kurator Rainer Fuchs.

Rund um die Ausstellung "flackert es fast überall" in Wien, meinte Litscher zum umfangreichen begleitenden Veranstaltungsprogramm und in Anspielung darauf, dass Artaud sich zeitlebens als "Nabel des Fegefeuers" empfand. "...und dann verschwand alles Licht" heißt es etwa am 11. September im Burgtheater-Kasino, bei einem von Litscher gestalteten "Artaud Ratorio" u.a. mit Klaus Bachler, Kirsten Dene, Ignaz Kirchner und französisches Gästen. Wieder aufgenommen wird Joachim Schlömers Artaud-Stück "Die Nervenwaage" (21.-23., 25. 9. im Kasino). Bei der Viennale ist Artaud das Spezialprogramm "Antonin Artaud und das Kino" gewidmet. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erhältlich (4 Euro), anlässlich der Schau erscheinen die Artaud-Biografie von Bernd Mattheus in Neuauflage sowie ein Materialienband und ein Band zur Geschichte Artauds.

"PeaRoeFoam"

Zum "Ort für junge Kunst" mit einem Schwerpunkt im Bereich der Installation soll die "Factory" des Museums Moderner Kunst (Mumok) werden, die mit der Ausstellung "PeaRoeFoam: My Special Purpose" des kalifornischen Künstlers Jason Rhoades (Jahrgang 1965) eröffnet wird, schilderte Mumok-Leiter Edelbert Köb. Die Ausstellung ist Teil einer Trilogie, die durch das immer wieder in neue Kontexte gestellte Grundmaterial, "PeaRoeFoam", der Installationen verbunden wird. Grüne Erbsen, rote Lachseier und Styroporkügelchen bilden ein Baumaterial, das fischig riecht und von Rhoades in einen spielerischen Kontext zwischen Konsumwelt und Hochkultur gestellt wird.

Der PeaRoeFoam wird im Laufe der Ausstellungsserie (zuvor wurde ein erstes Projekt in der New Yorker Galerie David Zwirner gezeigt, im Anschluss liefert Rhoades einen Beitrag zur Tate Biennal in Liverpool) einer Verarbeitungsmaschinerie unterworfen. Von der Lagerung der Rohmaterialien über die Abfüllung in eigens hergestellte Verpackungen bis zur "Formwerdung" des Materials als "Skulptur" wird mit dem Material gewerkt, das in der "Factroy" hinter einem "Green Door" zu finden ist. Diese grüne Tür verweist auf das Fotomodell Marilyn Chambers, die zur gleichen Zeit auf den Verpackungen eines Waschmittels als junge Mutter für Reinheit warb und in dem Pornofilm "Behind the Green Door" (1972) mitspielte.

Den "PeaRoeFormances" mit dem Erbsenlachsschaum (der durch einen Klebstoff-Überzug vor allzu starker Geruchsentwicklung bewahrt wird, wie Kurator Achim Hochdörfer schilderte) steht eine überdimensionale Karaokemaschine "(the grand machine") gegenüber, die während der Aufstellung der Ausstellung aufgenommene CDs abspielt, auf denen nur die Stimme der Karaoke-Singenden zu hören ist. Dabei gehe es um die Suche nach authentischer Ausdrucksmöglichkeit innerhalb einer von Klischees und vorgegebenen Strukturen durchdrungenen Subjektivität. Es sei "typisch für Rhoades", so Hochdörfer, "extreme Banalität einzusetzen, um einen hoch komplexen Gedankengang auszuformen". Ein Katalog erscheint im Oktober. (APA)

"Hommage a Antonin Artaud" (7. 9. bis 17. 11.), "PeaRoeFoam: My Special Purpose" von Jason Rhoades (7. 9. bis 10. 11.), im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig.

Öffnungszeiten: Di-So, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.
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