Deutsche Konjunktursorgen

6. September 2002, 14:56
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Produktionsrückgang im Juli verschärft Situation

Berlin - Mit dem überraschenden Produktionsrückgang im Juli hat auch der letzte wichtige Wirtschaftsindikator vor der Bundestagswahl die Konjunkturaussichten in Deutschland weiter verdüstert. Das Produzierende Gewerbe stellte nach Angaben des deutschen Finanzministeriums (BMF) vom Freitag saisonbereinigt 1,0 Prozent weniger her als im Juni. Volkswirten zufolge könnte das Bündel der zuletzt schwachen Daten Angst vor einem Abrutschen der Wirtschaft in die Rezession schüren. Für das laufende Quartal sei kaum mit stärkerem Wachstum zu rechnen und im letzten Vierteljahr 2002 könne die Wirtschaftsleistung bereits wieder schrumpfen. Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark sah die deutsche Wirtschaft in einem Zustand der "Lethargie".

Aktienkurse geben ab

Die Finanzmärkte reagierten nur kurz auf die Daten. Die europäischen Renten legten kurzzeitig zu, während die Aktienkurse zeitweise einen Teil ihrer Gewinne abgaben. Volkswirte hatten mit einem zum Vormonat unveränderten Produktionsniveau gerechnet, nachdem die Produktion im Juni um 2,0 Prozent gestiegen war. Die Erzeugung in Westdeutschland sank um 0,8 Prozent, das ostdeutsche Produzierende Gewerbe stellte 3,5 Prozent weniger her als im Juni. Nach Reuters-Berechnungen lag das Produktionsniveau im Juli rund 1,9 Prozent unter dem Stand des Vorjahresmonats.

"Entsetzlich", kommentierte Gerd Haßel von der ING BHF-Bank die Produktionsdaten. "Für die deutsche Konjunktur sind das sehr schlechte Signale." Nach dem unerwarteten Rückgang der Auftragseingänge um 0,9 Prozent im Juli habe er mit einem schwachen Produktionswert gerechnet. Das Wachstum der Gesamtwirtschaft könnte bereits im laufenden Quartal unter dem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,3 Prozent im zweiten Quartal liegen. "Im vierten Quartal ist ein Rückgang des BIP zum Vorquartal möglich, und für das gesamte Jahr erreichen wir womöglich nur 0,2 Prozent Wachstum." Auch der OECD-Frühindikator für Deutschland signalisierte mit einem Rückgang im Juli schlechtere Konjunkturaussichten.

"Rezession" - Begriff auf der Tagesordnung

Angesichts schwacher Wirtschaftsdaten und rückläufiger Frühindikatoren erwarten die meisten Volkswirte inzwischen nur noch ein Wachstum um 0,5 Prozent in diesem Jahr. "Im Augenblick sehe ich keinen Anlass für die Erwartung, dass nun der große Schwung kommen wird", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort Wasserstein sah nun das Thema "Rezession" wieder auf die Tagesordnung zurückkehren. Nach dem schwachen Start in das laufende Quartal dürfte im August die Flutkatastrophe die Wirtschaft belastet haben, so dass im gesamten Vierteljahr das BIP bereits schrumpfen könnte. "Das könnte die Angst vor einer "Double-Dip"-Rezession wieder aufleben lassen", sagte Guntermann. Die deutsche Wirtschaft war im zweiten Halbjahr 2001 geschrumpft und insgesamt nur um 0,6 Prozent gewachsen.

Auch Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark wies auf die Schwäche der deutschen Wirtschaft hin. "Seit dem Ende der milden Rezession gegen Jahresbeginn ist die deutsche Wirtschaft nicht über das Anfangsstadium einer Erholung hinausgekommen und steckt in einem Zustand, der einer Lethargie ähnelt." Gründe hierfür seien die schwache Inlandsnachfrage, aber auch ein Schrumpfen des Bausektors sowie die Folgen von Streiks in der Metall- und Elektrobranche. Das Vertrauen von Verbrauchern und Anlegern habe unter der Schwäche der internationalen Aktienmärkte gelitten.

Der Produktionsrückgang im Juli betraf den BMF-Angaben zufolge fast alle Sparten des Produzierenden Gewerbes. Im Energiesektor sank die Produktion um 3,5 Prozent zum Vormonat. Das Bauhauptgewerbe produzierte dagegen 0,6 Prozent mehr. Die Industrieproduktion schrumpfte um 0,9 Prozent. Dabei wurden 0,7 Prozent weniger Vorleistungsgüter, 1,4 Prozent weniger Investitionsgüter und 0,6 Prozent weniger Konsumgüter hergestellt. Im weniger schwankungsanfälligen Zweimonatsvergleich Juni/Juli zu April/Mai nahm die Industrieproduktion wegen des deutlichen Anstiegs im Juni um 0,7 Prozent zu. Zum Vorjahreszeitraum bedeutete dies den Angaben zufolge einen arbeitstäglich bereinigten Rückgang um 2,0 Prozent. (APA/Reuters)

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