Die Rückeroberung in Wiener Neustadt

6. September 2002, 13:00
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Die Natur breitet sich in der Berger-Deponie aus, wo früher mal Müll gelagert wurde

Wiener Neustadt - Aus einiger Entfernung betrachtet, gleicht sie einer gigantischen Badewanne mit grünlichem Belag. Und wer auf der B 26, ein paar Kilometer außerhalb von Wiener Neustadt, an dem 700 Meter langen und bis zu 100 Meter breiten Areal vorbeiflitzt, bemerkt es kaum. Dabei zählte die Berger-Deponie bis zu ihrer Räumung vor vier Jahren zu Österreichs größten und damit auch umstrittensten Müllablagerungsplätzen.

"Die Böschung ist viel zu steil und zu wenig strukturiert", ringt sich WWF-Artenschutzexpertin Jutta Jahrl beim mühevollen "Abstieg" in die renaturierte Deponie ein erstes - wenig Erfolg versprechendes - Urteil ab. Doch am Boden der "Badewanne" angekommen, herrscht überraschtes Staunen. Schnell sind die auffälligsten Gewächse aufgezählt: Disteln aller Art, Kamille, Brombeersträucher, Malve, sogar Königskerzen.

Tiere ...

Jahrl's zweite Expertise fällt schon positiver aus: Standort und Pflanzenarten passen gut zueinander, es scheinen keinerlei Ansiedelungen von Menschenhand vorgenommen worden zu sein. Die Erde ist jedenfalls staubtrocken und durchlöchert wie ein Sieb. "Das sind Wühlmäuse. Ein gutes Zeichen", so Jahrl. Und zwar deshalb, weil so auch die Greifvögel genügend Nahrung finden. Und sie müssen dazu nicht in der Luft kreisen, denn ein unansehnlicher Zaun, der das Gelände in zwei Hälften teilt, dient als idealer Sitzplatz direkt am reich gedeckten Tisch.

Zwischen den hüfthohen und äußerst genügsamen Gewächsen haben Spinnen beeindruckende Arbeit geleistet. Die Netze sind nicht selten mehr als einen Meter breit, und die einzelnen Fäden sind zum Teil robust wie Zwirn. Sehr zum Ärger vieler Heuschrecken, die verzweifelt in der Falle zappeln und sich schließlich bei lebendigem Leib einwickeln lassen müssen.

Frühere Kontamination

"Das ist ja wie in 'Universum' - nur live", schwärmt Jahrl. Dabei vergisst sie fast, was hier bis zum September 1998 lagerte. Nämlich 900.000 Tonnen Müll und mehr als 1.200 Fässer mit hochgiftigem Inhalt. Rund 37.000 Lkw-Ladungen benötigte es, um die "Badewanne" leer zu bekommen. Und selbst dann war noch nicht alles beseitigt. Im April 2000 wurden vier Meter Untergrund abgetragen, da dieser mit Ammonium kontaminiert war.

"Ob die Schadstoffe wirklich alle aus dem Boden draußen sind, kann man auch jetzt noch nicht sagen", bestätigt die WWF-Artenschutzexpertin. Sollten nämlich noch Giftstoffe vorhanden sein, dann nehmen sie die Mäuse in der Nahrung auf, werden von Bussarden gefressen - doch die Auswirkungen sind laut Jahrl erst in einigen Jahren merkbar.

Doch die Natur scheint sich das Areal wieder vollständig unter den Nagel gerissen zu haben. (APA)

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    Die Berger-Deponie zählte bis zu ihrer Räumung vor vier Jahren zu Österreichs größten Müll-
    ablagerungsplätzen.

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