Anschläge angeblich Teil von Paschtunen-Aufstand

6. September 2002, 12:39
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ISAF kann wenig tun

Hamburg - Die jüngsten Terroranschläge in Afghanistan sind nach Experten-Meinung Teil eines anhaltenden Paschtunen-Aufstands gegen die Machthaber in Kabul. "Nun wird im Untergrund für eine Änderung der Machtstrukturen gekämpft, weil die Paschtunen auf demokratischem Weg nichts erreicht haben", sagte Mounir Ahmed vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg in einem dpa-Gespräch. Bereits bei der großen Stammesversammlung (Loya Jirga) im Juni seien sie nicht zum Zuge gekommen. "Obwohl die Paschtunen in der afghanischen Bevölkerung mindestens 50 Prozent stellen, hatten sie in der Loya Jirga weniger als ein Viertel der Delegierten", betonte der Islam-Wissenschaftler.

Am Donnerstag hatte es in der Hauptstadt Kabul einen schweren Autobombenanschlag gegeben, während Präsident Hamid Karsai in Kandahar im Süden des Landes nur knapp einem Attentatsversuch entkam. Die neuen Anschläge kamen laut Ahmed nicht unerwartet: "Sie reihen sich praktisch ein in eine Serie früherer Attentate und Terroranschläge."

Es sei eine "unnatürliche Lage", dass die frühere Nordallianz den größten Teil der aktuellen Machthaber in Kabul stelle. "Die entscheidenden Ministerien und das Heer werden von Minderheiten aus dem Norden geführt", sagte Ahmed. Diese würden von den Paschtunen und anderen Menschen im Süden als Gegner angesehen. Karsai sei der einzige Paschtune in der Regierung an und werde deswegen in seiner Heimatregion als "Verräter" betrachtet. "Paschtunenführer haben der Regierung in Kabul wiederholt den Kampf angesagt und werden versuchen, weiter Unruhe zu stiften", meinte der Experte.

Die internationale Schutztruppe ISAF könne nur wenig tun und nur in Kabul agieren, "die eigentliche Musik spielt aber in Kandahar", sagte Ahmed. Kabul sei eine Insel wie früher West-Berlin. "Man kann dort gute Beschlüsse fassen, aber sie werden nur für die Hauptstadt gelten, die Warlords im Lande werden nicht darauf hören", betonte der Wissenschaftler. Um die Lage zu beruhigen, müssten die Paschtunen stärker in die afghanische Führung eingebunden werden. "Es sieht aber nicht so aus, dass es passiert." Es sei zu befürchten, dass es noch Jahre lang keine Ruhe im Land geben werde: "In Afghanistan ist noch lange nichts gewonnen."(APA/dpa)

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