Angstbewältigung durch EMDR-Methode

6. September 2002, 12:07
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Augenbewegungen beschleunigen den Verarbeitungsprozess im Gehirn

Augsburg - Schnelle Augenbewegungen unterstützen das Gehirn bei der Angstbewältigung. Diese Erkenntnis ist zentraler Bestandteil einer neuer Methode, die Opfer von Gewalt, sexuellem Missbrauch oder schweren Unfällen schneller als bisher von posttraumatischen Belastungsstörungen befreien soll.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde zeigen aktuelle Studien die Wirksamkeit dieses Verfahrens, die für viele traumatisierte Patienten eine nachhaltige Besserung bringe.

Katastrophen wie der Amoklauf in Erfurt oder die Terroranschläge des 11. September hinterlassen bei Augenzeugen und Opfern oft schwere seelische Verletzungen. Die schrecklichen Erinnerungen führen zu Albträumen, dauernder Unruhe, Zittern und Schweißausbrüchen. Schätzungsweise vier Prozent der Deutschen leiden nach Angaben der Fachgesellschaft unter einer solchen posttraumatischen Belastungsstörung.

EMDR-Methode

Bei der in den USA entwickelten neuen EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) lässt der Patient die Horrorerlebnisse in seinem Inneren erneut ablaufen, durchlebt wieder die Emotionen und Gedanken, die er dabei hatte. Zugleich folgt er mit den Augen der sich hin und her bewegenden Hand des Therapeuten.

Diese Augenbewegungen beschleunigen den Verarbeitungsprozess im Gehirn, wie die Experten berichten. Allmählich verblassten die Bilder, sie verlören ihre Macht über die Psyche, und positivere Gedanken stellten sich ein.

Als wesentlicher Vorteil der EMDR-Therapie gilt die häufig kurze Behandlungsdauer. "Bei Patienten mit einer leichteren posttraumatischen Belastungsstörung reichen oft schon eine oder zwei Therapiesitzungen", sagt Martin Sack von der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Zustandsverbesserung

Menschen, die über längere Zeit traumatisiert worden seien - etwa durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit -, brauchten unter Umständen mehr als 20 Sitzungen. Verschiedene Studien zeigten, dass sich der Zustand des Patienten mit dieser Methode dauerhaft bessere.

Welche Rolle die Augenbewegungen bei der Therapie spielen, wird zurzeit noch erforscht. Die Wissenschafter vermuten, dass sie Blockaden auflösen, die die Informationsverarbeitung im Gehirn behindern. Erlebnisse, die mit starkem Stress verbunden sind, werden in tieferen Hirnregionen als gefühlsbeladene Bilder gespeichert. Bei Trauma-Patienten bleiben sie nach Angaben der Experten dort eingesperrt und können nicht in der Großhirnrinde rational verarbeitet werden, wo Sprache und Bewusstsein ihren Sitz haben.

"Möglicherweise spielen sich bei EMDR ähnliche psychische Prozesse ab wie beim Träumen, das auch von schnellen Augenbewegungen begleitet wird", vermutet Sack. (APA/AP)

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