Dominanz der Amerikaner schafft Spielraum für Europa

6. September 2002, 10:09
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"Dernieres Nouvelles d'Alsace": Karsai-Anschlag zeigt Schwäche der amerikanischen Ordnung - "Politiken": USA spielen Roulette

Paris - Die Pariser Tageszeitung "Le Figaro" schreibt am Freitag zu den Spannungen zwischen den USA und dem Irak, dass Europa angesichts der "Imageverschlechterung" der Amerikaner wieder mehr Spielraum gewinnen werde. Die Zeitung "Dernieres Nouvelles d'Alsace" (Straßburg) erinnert US-Präsident George W. Bush angesichts des fehlgeschlagenen Mordanschlag auf den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai an die "Schwäche der amerikanischen Ordnung". Die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" warnt vor einem "gefährlichen Präzedenzfall" durch einen Angriff auf den Irak.

"Le Figaro":

"Wer würde sich da täuschen? Der Irak-Krieg hat bereits begonnen. Zwar gibt es keine militärischen Operationen. Aber es gibt kaum noch einen Zweifel, dass US-Präsident George W. Bush gegen Saddam Hussein etwas unternehmen wird. Darüber sollte eine der Schlüsselfragen der vergangenen Monate nicht vergessen werden. Wie hat das Mitgefühl angesichts der Ruinen des World Trade Centers sich so schnell in Misstrauen gegenüber den USA verwandeln können? Es sind die Fehltritte Bushs, der sich stärker um die Einigkeit seiner Mitbürger als um das Überzeugen der anderen Staaten kümmert, die für die Imageverschlechterung der Amerikaner verantwortlich sind. Es gibt erstaunliche Paradoxe: Je dominanter die Amerikaner sich aufführen, desto mehr Spielraum gewinnt Europa."

"Dernieres Nouvelles d'Alsace":

"Das Gemetzel von Kabul und der Mordversuch an Präsident Hamid Karsai in Kandahar reichen aus, um George W. Bush an die Schwäche der amerikanischen Ordnung zu erinnern. Beide Attentate unterstreichen allein die Tollkühnheit eines US-Präsidenten, der bereit ist, sich auf einen neuen Krieg einzulassen, obwohl der nach dem 11. September 2001 begonnene bei weitem noch nicht beendet ist. Auf Grund des schwer einzuschätzenden Bedrohungspotenzials des Al-Kaida-Netzwerks gerät das Kalkül des Mannes im Weißen Haus ins Wanken. Der rasche 'Sieg' vom Herbst 2001 hat in der Bush-Administration ein Gefühl der Überlegenheit genährt, auf eigene Faust Aktionen zu unternehmen, die das geostrategische Gleichgewicht der Welt gefährden."

"Politiken":

"Ein Angriff der USA gegen den Irak wäre eine extrem weitgehende Anwendung des diffusen Mandats für weltweites Eingreifen, das sich die Vereinigten Staaten nach dem 11. September selbst gegeben haben. Er würde gleichzeitig einen äußerst gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Pakistan etwa beherbergt Terroristen, die regelmäßig Indien infiltrieren und terrorisieren. Pakistan verfügt über Massenvernichtungswaffen. Das Land ist eine Militärdiktatur. Bedeutet das, dass die Weltgemeinschaft mit einem "präventiven" indischen Angriff auf Pakistan leben könnte? Im übrigen ist völlig unklar, ob die USA auf die Übernahme der generellen Verantwortung für die Zukunft des Iraks eingestellt sind. Sie kommt auf sie zu, wenn der Diktator gestürzt ist. (...) Die Alternative der Bush-Leute ist eine Mischung aus Selbstjustiz und weltpolitischem Roulette, für die sich die einzige Supermacht auf der Welt zu gut sein sollte."(APA/dpa)

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