Irak: Schwerste Angriffe seit Jahren

7. September 2002, 10:25
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Die USA und Großbritannien haben am Freitag massive Attacken gegen Irak geflogen

Bagdad/Wien - Wenn die Meldung stimmt, war es der größte militärische Zwischenfall im Irak seit Dezember 1998, als die USA nach dem Abzug der UNO-Waffeninspektoren im Rahmen der Operation Wüstenfuchs vier Tage lang schwerste Angriffe flogen: Am Donnerstag haben laut Daily Telegraph hundert amerikanische und britische Flugzeuge eine militärische Anlage 390 km westlich von Bagdad mit Bomben belegt. Bis Freitagnachmittag war nicht restlos geklärt, ob der Ort innerhalb oder außerhalb der südlichen Flugverbotszone liegt, die bis zum 33. Breitengrad reicht. Nach irakischen Angaben handelt es sich um Rutba in der Provinz Anbar, laut westlichen Quellen ist dort die Verteidigungskommandozentrale für den Westirak.

Militärstellen in den USA und Großbritannien gaben sich am Freitag bedeckt: alles Routine. Die Zahl Hundert wurde später vom Pentagon halbherzig dementiert. Tatsächlich wird bei der Überwachung der Flugverbotszonen von den Alliierten in der Regel geschossen, wenn der Irak alliierte Flugzeuge mit dem Radar erfasst oder auf sie feuert, aber es wäre das erste Mal seit Einrichtung der Zonen im Jahr 1991 und 1992 (im Norden), dass die Kampfjets in einer Hundertschaft ausrückten. Beobachter sehen den Angriff ganz klar im Zusammenhang mit Kriegsvorbereitungen.

42.000 Einsätze

Laut BBC haben Briten und Amerikaner heuer rund 30-mal irakische Einrichtungen angegriffen, im ganzen Jahr 2001 sollen es nur elfmal gewesen sein. Insgesamt sind die Zahlen beeindruckend: Seit 1998 wurden fast 42.000 Einsätze ("sorties", nicht Angriffe) geflogen, die meisten aus Saudi-Arabien (über 17.500) kommend, in letzter Zeit jedoch eher aus Kuwait. Im Norden wird die Flugverbotszone (über dem 36. Breitengrad) von der Türkei aus überwacht.

Das letzte Mal außerhalb der Flugverbotszone haben die Alliierten im Februar 2001 angegriffen, damals hatten die Iraker ihre - mit von den Chinesen gelieferter Glasfasertechnologie stark verbesserte - Luftabwehr aus den Flugverbotszonen hinaus in das Einzugsgebiet von Bagdad verlegt, um sie dem Zugriff der Amerikaner und Briten zu entziehen. Seine Flugabwehr aufzurüsten ist dem Irak laut UNO-Resolutionen übrigens nicht a priori verboten. Das Recht, die irakischen Einrichtungen trotzdem zu zerstören, leiten die Alliierten aus der Tatsache ab, dass seit 1998 die Iraker die Flugverbotszonen nicht mehr akzeptieren (was sie bis 1998 de facto, wenn auch nicht de iure taten) und deshalb auf die patrouillierenden Flugzeuge feuern.

Kein UNO-Mandat

Die - für die Beschaffung von militärischen Erkenntnissen äußerst nützlichen - Flugverbotszonen, die 1991 von den damaligen Kriegsalliierten zum Schutz der Kurden im Norden und der Schiiten im Süden eingerichtet wurden - aber erst, nachdem die Aufstände von Saddam Hussein schon brutalst niedergeschlagen worden waren -, sind rechtlich umstritten. Es gibt für ihre die Souveränität des Irak zweifellos beschränkende Einrichtung kein eigenes UNO-Mandat, die USA und Großbritannien fühlen sich von UNO-Resolution 688 (1991) ausreichend ermächtigt, UNO-Juristen teilen diese Ansicht im Allgemeinen nicht. 1996 wurde die südliche Zone von den USA vom 32. auf den 33. Breitengrad hinauf, praktisch an den Rand Bagdads, verschoben, was für die Franzosen, die bis dahin bei der Überwachung mitgetan hatten, der Grund zum Aussteigen war. Auch die Briten galten eine Zeit lang als überwachungsmüde, die Kosten sind enorm (rund eine Mrd. US-Dollar pro Jahr).

Auch der Blutzoll ist hoch: Der Irak beziffert die durch Bomben getöteten Zivilisten auf fast 1500, diese Zahl wird von den Alliierten zurückgewiesen, die darauf verweisen, nur militärische Einrichtungen anzugreifen. Berichte aus dem Irak legen den Verdacht nahe, dass oft militärische Einrichtungen in zivilen Häusern versteckt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2002)

von Gudrun Harrer
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