Schnuffel bis aufs Blut gequält

6. September 2002, 18:23
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6. 9. 2002 - Schnöder war Undank nie. Jahrelang ist Jörg Haider den Fellners gut genug für die Titelseite gewesen.

... Nun, wo er die antikapitalistische Sehnsucht der Massen zum Endkampf gegen ein blaues Regierungsteam bündelt, das nie erfahren hat, was echte Armut ist, schlagen sich die Medientycoons auf die Seite der Königskobra. Die gequälte Frau eroberte diese Woche das Cover von "NEWS", und weil doppelt gemoppelt besser hält, sprach Susanne Riess-Passer zu dem Magazin nicht nur über ihre Zukunft, sondern auch gleich über ihren Kampf gegen Krebs und zum Drüberstreuen noch darüber, dass sie auch den Kinderwunsch mit 41 Jahren nicht ad acta gelegt hat.

Wie da auf die einschlägigen Leserdrüsen gedrückt wurde, das grenzt an fahrlässige Herbeiführung einer Flutkatastrophe: Daheim ist die Frau VK schlicht der "Schnuffel". Das wird auch die Verschwörer zu Knittelfeld nachdenklich stimmen.

Einsam an der Spitze - "NEWS" weiß es schon seit zweieinhalb Jahren und verrät es trotzdem erst jetzt: Seit ihrem Einzug ins Vizekanzleramt ist die Luft für Susanne Riess-Passer sehr dünn geworden. Und wegen der bekannten Auswirkungen langjährigen Sauerstoffmangels auf das Gehirn wehrt sich das Lamm nun unfromm gegen die Schur. Von Haider & Co bis aufs Blut gequält, schlägt Riess jetzt zurück und gibt brutal zu Protokoll: Ich schäme mich ja richtig vor unseren Funktionären an der Basis für das Schauspiel, das wir da bieten. Wenn sich sonst niemand schämen will - ich schäme mich. Sonst will niemand, also nur sie.

Solches selbst die weiten freiheitlichen Schamgrenzen sprengende Schamgefühl scheint übertrieben, wenn es nicht besser begründet wird als damit: Die Funktionäre haben sich das einfach nicht verdient. Wer war denn so schamlos, Riess-Passer zur Parteiobfrau zu wählen, nur weil Haider es befahl, und wer ist es noch, sie bei aufrechtem Befehlsnotstand wieder abzuservieren? Aber nicht nur ihren Funktionären fehlt es an Verantwortungsbewusstsein, auch Akademiker wie Professor Streissler fordern eine Steuerreform. Für diese Schamlosigkeit hat er verdient, was ihn die Vizekanzlerin wissen lässt. Als Professor tu ich mir leicht. Da kann ich auf der einen Seite das Nulldefizit fordern, auf der anderen eine Steuerreform und muss keinem dazu erklären, wie das zu machen ist. Nichts anderes haben bis vor wenigen Wochen die blauen Regierungskünstler unter Riess-Passer gemacht.

Aber die eiserne Lady zieht in den Krieg nicht nur mit dem eiskalten Besteck ihres brillanten Intellekts, sondern auch mit den herzerwärmenden Waffen der Frau. In der Intimabteilung von "NEWS" gibt sie eine private Belastungsprobe zu Protokoll, genau zur richtigen Zeit, liegt diese doch erst sechs Jahre zurück, was "WOMAN" (Achtung, sprengt in den nächsten Wochen die österreichischen Grenzen!) schon vor etlichen Wochen nicht hinderte, eine öffentliche Kostprobe der privaten Belastungsprobe zu liefern. Was in ihrem Leben weit schlimmer war als sämtliche Partei-Querelen: zwei Tumore in ihrer Brust. Das Interview.

Was weit besser als sämtliche Partei-Querelen und auch menschlich erfreulich ist: die zwei Tumoren wurden 1996 erfolgreich entfernt, und erfüllen dennoch in der laufenden Abwehrschlacht ihren Zweck. Was muss dieser Haider für ein Rohling sein, dass er der gequälten Frau ohne Rücksicht auf ihre private Belastungsprobe auch noch eine politische auferlegt? Wer doppelt vom Schicksal geschlagen ist, erleidet dann Gedanken wie: Hab ich das Leben gelebt, das ich eigentlich wollte? Die Antwort läuft auch in diesem Fall auf Vanitas hinaus: Ich habe viel zu wenig gelebt und viel zu viel gearbeitet. Ich habe zu wenig für mich getan.

Der Schluss daraus versetzt in gute Hoffnung: Politik ist das eine, aber das Leben - das ist das andere. Also dann - auch den Kinderwunsch hat Riess-Passer mit 41 Jahren nicht ad acta gelegt. "Im Gegenteil: Ich lese mit großem Interesse Literatur über späte Mütter und habe es auch schon mit meinem Frauenarzt besprochen." Der gab der Blauen grünes Licht. Riess-Passer im NEWS-Gespräch: "Ich muss kein Kind haben, aber ich würde sehr gerne!" Zumindest wird nichts dagegen unternommen.

Der Mann, für den sie daheim schlicht der Schnuffel ist, will sie schon über Kinder aufgeklärt haben - sie zeigt sich dennoch finster entschlossen. Das tut sie dem Jörg zu Fleiß. Sie kriegt dann zwar Kindergeld, aber wenn er eine werdende Mutter um den Job bringt, rückt die eigene Schwester von ihm ab. Nach dieser "NEWS"-Attacke muss er angemessen zurückschlagen. Gut kommt immer eine Anrufung der Prostata. Und wenn er noch durchsickern lässt, dass er daheim schlicht der Wuffel ist, wird in der FPÖ alles möglich.
(DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2002)

Von Günter Traxler
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