Ex-Terrorist: "Harte Linie" Bonns bei Schleyer-Entführung war richtig

5. September 2002, 18:07
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Peter-Jürgen Boock: RAF ist an der harten Haltung der Regierung Schmidt gescheitert

Frankfurt am Main - 25 Jahre nach der Entführung und Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion hat einer der Täter die "harte Linie" des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt als richtig bezeichnet. "Ich denke im Nachhinein, dass es richtig war, ganz konsequent Nein zu einer Freilassung von inhaftierten RAF-Terroristen zu sagen", sagte Ex-RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Frankfurt. Schleyer war am 5. September 1977 von einem RAF-Kommando entführt worden, zu dem auch Boock gehörte. Am 19. Oktober 1977 wurde Schleyer ermordet gefunden.

"Die RAF ist an der harten Haltung der Regierung Schmidt gescheitert", sagte Boock. Er war wegen seiner Tat-Beteiligung zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Später sagte sich Boock von den Zielen der RAF los. 1999 kam er auf Bewährung frei.

Schleyer als "Sieger"

An diesem Donnerstag erschien Boocks Buch "Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer". Es zeichnet eine Innen-Ansicht vor allem über die "Verhöre" Schleyers, bei denen die Entführer ihr Opfer mit dessen Rolle in der NS-Zeit konfrontieren wollten. Aus diesen Gesprächen sei Schleyer wiederholt als "Sieger" hervorgegangen, sagte Book. Die RAF sei nicht nur an der harten Haltung Schmidts gescheitert, sondern auch an der Person Schleyers.

"Ihm ist es immer wieder gelungen, sehr schnell herauszubekommen, wo bei uns Widersprüche in der Vorgehensweise, in den Ansichten und in der Umsetzung liegen. Wir hatten die Vorstellung, dass es ein sozialistisches Wirtschafts- und Staatsmodell geben sollte, und er sagte, wo funktioniert das auf dieser Welt?", sagte Boock.

"... aus dem Konzept gebracht"

Schleyer habe die Entführer in den Gesprächen oft "schachmatt" gesetzt, sagte Boock. "Er hat uns mit seinen Argumenten immer wieder so in die Defensive gebracht, dass wir aus dem Konzept gebracht waren." Dies habe auf Seiten der Entführer die "Hilflosigkeit" im Umgang mit der Situation, aber auch die Wut auf Schleyer gesteigert.

Boock sagte: "Wir dachten, es wäre einfach, ihm alle seine Schweinereien (in der NS-Zeit) aufzurechen und nachzuweisen, ihn entsprechend zu verunsichern und in die Ecke zu drängen. Das Gegenteil war der Fall - er hat unsere Lücken sehr schnell gefunden und gesagt: Von was reden sie denn da, wo soll es das denn geben?" Der Ex-Terrorist sagte weiter: "Wir wussten unsere Ziele selber nicht, wir hatten die Vorstellung, dass wir uns in diesem Kampf verändern und dann erst die Ziele bestimmen können."

Boock kritisierte zudem die mangelnde Bereitschaft "militanter Linker, über die Verbrechen des bewaffneten Kampfes Rechenschaft abzulegen". Die Bereitschaft zur Aufarbeitung sei genau so gering ausgeprägt wie die der "Väter-Generation", Auskunft darüber zu geben, wie es zu den Verbrechen der NS-Zeit kommen konnte. (APA/dpa)

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    Peter-Jürgen Boock im November 1992

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    Peter-Jürgen Boock 2001: "Ich denke im Nachhinein, dass es richtig war, ganz konsequent Nein zu einer Freilassung von inhaftierten RAF-Terroristen zu sagen"

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