"Die Friedenspfeife"

6. September 2002, 18:15
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Über Haiders Versuch, den Ungeist des Sonderparteitages in die Flasche zurückzubringen - Von Samo Kobenter

Es hat ganz den Anschein, als hätte sich Jörg Haider diesmal selbst in einer der Doppelmühlen gefangen, in die er sonst seine Gegner zu locken pflegt. Mit verzweifelter Vehemenz versucht Haider, den Ungeist des Sonderparteitages in die Flasche zurückzustopfen, die er selbst übermütig geöffnet hat. Ganz nebenbei beweist der Altparteichef auch, dass er keinesfalls der weit blickende Stratege ist, als den ihn seine Gegenspieler bisweilen empfunden haben.

Haiders Krisenmanagement hat sich in den letzten Tagen als eine Ansammlung von Fehleinschätzungen dargestellt, die seine gekränkte Eitelkeit und brutale Rachsucht noch vergrößert haben. Von dem Zeitpunkt an, als ihn Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer mit einer Nummer aus seiner eigenen populistischen Trickkiste an die Wand gespielt und seine Forderung nach einem Volksbegehren mit der Volksbefragung übertrumpft hat, sind Haider nur noch Fehler passiert: Mit der Forderung nach einer Steuerreform ist er abgeblitzt, seinen Rückzug aus der Bundespolitik hat er zum x-ten Mal wiederrufen, mit Schüssel will er eine Vereinbarung über Steuererleichterungen nach schlechtestem Vorbild der "Altparteien" getroffen haben, nur leider weiß davon niemand außer ihm selbst.

Und jetzt, wo es die Regierungsfraktion der FPÖ angesichts des Sonderparteitages, den er angeleiert hat, zu zerreißen droht, rudert er verzweifelt zurück. Er weiß, dass Neuwahlen noch in diesem Herbst das Experiment Regierungsbeteiligung für lange Zeit beenden und seine Absicht, als Retter der FPÖ aufzutreten, zerstören würden.

Haider braucht Riess-Passer als Verliererin, und er braucht sie so lange wie möglich in der Regierung, um seine Inszenierung bei den Wahlen mit existenzsicherndem Ergebnis zu Ende zu führen: Nur das steht hinter seinem Angebot an Riess-Passer, mit ihm eine vollends benebelnde "Friedenspfeife" zu rauchen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2002)

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    Häuptling "einfaches Parteimitglied" will rauchen Friedenspfeife - Uff!

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