Al-Qa’ida hortet weiter Gold

5. September 2002, 17:10
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Bin Ladens Terrororganisation konnte ihr Vermögen retten

New York/Wien - Sudan hat bis vor kurzem noch zu den politischen Akrobaten in der Ära nach dem 11. September gezählt. Am Tag nach den Terroranschlägen riss die islamische Militärjunta das Ruder herum, trennte sich endgültig von Osama Bin Laden, der bis Mitte der 90er-Jahre noch in Khartoum lebte, und übernahm fortan eine Rolle als stiller Partner in Washingtons Antiterrorkoalition.

Doch ein Jahr nach den Anschlägen kommt der Bannspruch über Bin Laden zurück wie ein Bumerang: Khartoum, Sudans Hauptstadt am Zusammenfluss des Weißen und des Blauen Nil, soll - wieder oder immer noch - die Drehscheibe für die Finanzaktivitäten von Bin Ladens Al-Qa’ida sein. "Er hat dort Bankkontakte, er hat dort Geschäftskontakte und er ist sehr genau vertraut mit den politischen und geheimdienstlichen Strukturen", zitierte die Washington Post Anfang der Woche einen hohen europäischen Geheimdienstmitarbeiter.

Europäische und US-Geheimdienste hätten demzufolge Erkenntnisse über beträchtliche Goldlieferungen der Al-Qa’ida nach Sudan erhalten. Das Gold sei in den vergangenen Wochen auf kleinen Schiffen vom pakistanischen Hafen Karatschi nach Iran oder Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten gebracht und anschließend unter Mithilfe iranischer Geheimdienstleute in Chartermaschinen nach Khartoum ausgeflogen worden.

"Fit und gesund"

Berichte über den Gold- und Bargeldtransfer der Terrororganisation aus Afghanistan sind nicht neu. Bereits im Februar, drei Monate nach der Einnahme Kabuls durch die Nordallianz und US-Streitkräfte, erhielten Geheimdienstleute Hinweise auf ein Transportsystem der Al-Qa’ida, die das Vermögen der Terrororganisation aus dem Land schaffte. Damals endete die Spur allerdings noch in Dubai.

Gold und Diamanten gelten als praktische Möglichkeit für das Terrornetzwerk, Vermögen zu horten; das System der "hawalas", der muslimischen Geldagenturen, die weltweit informell Bargeldsummen verschieben, hat sich zudem als weitgehend resistent gegen die Strafmaßnahmen der mittlerweile 144 Staaten erwiesen, die sich dem neu gebildeten UN-Komitee zur Terrorismusbekämpfung angeschlossen haben.

112 Millionen Dollar an mutmaßlichem Vermögen der Al-Qa’ida haben die Staaten seit September 2001 eingefroren - doch der Kampf an der Finanzfront hat sich festgefahren: Nur zehn Mio. Dollar seien in den vergangenen acht Monaten festgesetzt worden, schreibt eine Beobachtergruppe des UN-Sicherheitsrates in einem vorab bekannt gewordenen Bericht. Al-Qa’ida sei "fit und gesund" und verwaltet mindestens 30 Mio. Dollar an Investments in Nordafrika, Nahost und Asien; Mittelsmänner sollen Bankkonten in Dubai, Hongkong, London und auch Wien unterhalten, wo noch im Oktober 2001 zunächst sechs Konten eingefroren worden waren. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2002)

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    Gold und Diamanten gelten als praktische Möglichkeit für das Terrornetzwerk, Vermögen zu horten

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