"Das Problem ist, dass ich alles kann"

18. September 2002, 17:32
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Gerrit Glomser zeigt bei der Vuelta auf, weiß aber nicht, wohin er sich entwickeln soll - Oscar Sevilla in Gelb

Madrid/Wien - Manchmal tut Gerrit Glomser, was er will. Gestern zum Beispiel, am Ruhetag der spanischen Radrundfahrt Vuelta, hat er eher weniger trainiert und sich stattdessen "von einer Bar zur anderen gehantelt, von einem Kaffee zum nächsten". Die Vuelta ist neun Etappen alt und also noch nicht einmal bei der Hälfte angelangt, Glomser war einmal Dritter, einmal Sechster, hängte dabei sogar den Deutschen Erik Zabel ab.

Der 27-jährige Salzburger, der für die italienische Saeco-Equipe fährt und heuer die Bank-Austria-Tour gewonnen hat, ist Österreichs heißeste Aktie auf dem Radsportmarkt, ein Allrounder, der bergauf und in Sprints mithält. "Das ist in Wahrheit mein Problem, dass ich alles kann", sagt Glomser, will damit aber nicht großspurig klingen. "Es ist wirklich ein Problem. Ich kann zu 85 Prozent sprinten, zu 80 Prozent bergauf fahren, das heißt, ich bin da und dort für Platzierungen gut. Aber wenn du gewinnen willst, musst du irgendwo an die 100 Prozent bringen. Und ich weiß noch nicht, wohin ich mich entwickeln soll."

In Spanien gibt Glomser den Edeldomestiken des italienischen Giro-Siegers Simoni, der liegt momentan an 16. Stelle (+4:21), Glomser ist als 29. (+17:22) der zweitbeste Saeco-Fahrer. Noch in der ersten Vuelta-Woche hat die Mannschaft seinen Vertrag um zwei Jahre bis 2004 verlängert, dabei hatte er lange um sein Leiberl kämpfen müssen. "Politik spielt im Team eine große Rolle, ist fast so wichtig wie die Leistung. Wenn neun Fahrer eine Mannschaft bilden, sind zwei Kapitäne fix, beide nehmen je zwei Helfer mit, da bleiben nicht mehr viele Plätze über. Eine dumme Aktion, und du spielst nicht mehr mit, sondern sitzt auf der Ersatzbank."

Mitte Jänner ist Glomser in Australien die "Tour down under" gefahren, danach lud Saeco zum Trainingslager, das sei "die Hölle" gewesen, "ein einziges Abstechen". Mittlerweile hat er wie seine Teamkollegen 85 Renntage in den Beinen und damit um 15 bis 20 mehr als die Spanier, die bei der Vuelta dominieren. Glomser: "Sie fahren uns um die Ohren." Für den Österreicher geht es darum, a) weiter mannschaftsdienlich zu fahren und b) seine Chance zu suchen. Seinen Zenit habe er, sagt Glomser, noch lange nicht erreicht. "Weil ich eigentlich eine faule Sau bin." (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 18. September 2002, Fritz Neumann)

  • Ergebnisse der Spanien-Radrundfahrt Vuelta vom Montag:

    10. Etappe (Einzelzeitfahren mit Start und Ziel in Cordoba/36,5 km):

    1. Aitor Gonzalez (ESP) 45:32 Min. - 2. Oscar Sevilla (ESP) 0:40 Min. zurück - 3. David Millar (GBR) 1:00 - 4. Joseba Beloki (ESP) 1:01 - 5. Antonio Tauler (ESP) 1:24 - 6. Iban Mayo (ESP) 1:30 - 7. Roberto Heras (ESP) 1:34 - 8. Klaus Möller (DEN) 1:42 - 9. Christian Vandevelde (USA) 1:43 - 10. Oscar Pereiro (ESP) 1:50 - weiter: 29. Gerrit Glomser 3:50 - 134. Peter Luttenberger (beide AUT) 7:18

    Gesamtwertung:

    1. Sevilla 33:19:00 Std. - 2. Gonzalez +0:01 Min. - 3. Heras 1:42 - 4. Mayo 2:04 - 5. Beloki 2:19 - 6. Alexander Winokurow (KZK) 2:19 - 7. Haimar Zubeldia (ESP) 2:56 - 8. Felix Garcia Casas (ESP) 3:05 - 9. Jörg Jaksche (GER) 3:20 - 10. Mikel Zarrabeitia (ESP) 3:33 - weiter: 29. Glomser 17:22 - 55. Luttenberger 39:34

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      Auch am Ruhetag wird fleißig gestrampelt. Der spanische Mitfavorit auf den Gesamtsieg, Roberto Heras (re) und sein Teamkollege bei US-Postal, Steffen Kjaergaard halten sich auf Walzen in Schwung.

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      Österreichs heißeste Aktie auf dem Radmarkt: Gerrit Glomser

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