Wall Street kränkelt noch immer

5. September 2002, 14:09
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US-Börsen haben sich noch immer nicht von dem Schock erholt - Investoren haben in den vergangenen zwölf Monaten Billionenerträge verloren

New York - Die Wall Street hat seit der Zerstörung des World Trade Center am 11. September vergangenen Jahres mehr als einen Fehlstart erlebt. Die US-Börsen haben sich noch immer nicht von dem Schock erholt, und die Investoren haben in den vergangenen zwölf Monaten weitere Billionenbeträge verloren.

Belastende Faktoren

Folgende Faktoren belasten die Wall Street momentan: Viele Anleger befürchten weitere Terrorattacken. Die US-Konjunktur hat nach einem vielversprechenden Schnellstart im Winter wieder deutlich an Fahrt verloren. Die Unternehmensgewinne und der Dollar sind gedrückt. Die Regierung in Washington verbucht riesige Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite. Hinzu kommt die beispiellose Bilanzbetrugsserie bei US-Großkonzernen wie Enron und WorldCom. Die Sorgen vor einem Irak-Krieg machen die US-Finanzmärkte zudem nervös.

Die New Yorker Börse, die nur wenige Straßenzüge vom zerstörten World Trade Center entfernt an der Wall Street und der Broad Street zu Hause ist, hat inzwischen ihre Pläne für ein zweites auf der anderen Straßenseite liegendes neues Börsengebäude fallen gelassen. Die weltgrößte Börse will stattdessen ein zweites Standbein an einem anderen Standort in New York oder außerhalb der Stadt einrichten. Damit will sich die "NYSE" gegen neue Terrorgefahren schützen und den Handel auch in Krisenzeiten fortsetzen.

Der Dow-Jones-Index stand am Vorabend der Terrorattacken bei 9605 Punkten. Das bekannteste US-Börsenbarometer sackte dann nach mehrtägigiger Schließung bis 21. September scharf auf 8236 Punkte ab und hat seither eine aufregende und steile Berg- und Talfahrt erlebt. Der Index hat in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 10.635 und 7.702 Punkten geschwankt.

Der Dow liegt momentan mit 8.424 Punkten um 16,03 Prozent niedriger als vor Jahresfrist. Der breiter gefasste S&P-500-Index hat 21,06 Prozent an Wert verloren, und der mit Technologieaktien vollgepackte NASDAQ-Index 26,53 Prozent. Die amerikanischen Börsen befanden sich jedoch bereits seit Frühjahr 2000 in einer der schlimmsten Baissen seit Jahrzehnten.

Serie von Zinssenkungen

Die US-Notenbank hatte nach den Terroranschlägen mit einer Serie weiterer Leitzinsabschläge gegen gesteuert. Sie hat die Tagesgeldzinsen mit 1,75 Prozent auf das niedrigste Niveau seit mehr als vier Jahrzehnten gedrückt. Hoffnungen der Anleger auf weitere Zinshilfen haben sich aber nicht verwirklicht.

Die US-Verbraucher, die angesichts der stark gestiegenen Arbeitslosigkeit, nur noch langsam anziehenden Einkommen und wegen des Wall-Street-Debakels eigentlich Zurückhaltung üben sollten, haben bisher mit ihrem Kaufrausch die amerikanische Wirtschaft über Wasser gehalten. Diese lebt zu zwei Dritteln von den Konsumentenausgaben. Die US-Unternehmen investieren dagegen nur spärlich.

Stark gestiegene Hauspreise haben die mehr als 80 Millionen Amerikaner mit Aktien oder Investmentfonds-Anteilen teilweise für die hohen Verluste an der Wall Street entschädigt. Zwei Drittel der Amerikaner leben in den eigenen vier Wänden und profitieren von dem Immobilienboom. Allerdings fragen sich die US-Wirtschaftsweisen ob und wie lange die Verbraucher angesichts ihrer enormen Schulden noch in Kauflaune bleiben werden. Halten sie sich mit Einkäufen zurück, dürften die Wirtschaft, die Unternehmensgewinne und die Börsen rasch leiden.

Hoffen auf Konjunkturaufschwung

Die "Bullen" oder Hausseanhänger an der Wall Street hoffen auf einen weiteren Konjunkturaufschwung, steigende Unternehmensgewinne und eine Erholung an den US-Börsen. Die "Bären" oder Baissevertreter halten hingegen das Kursgewinn-Verhältnis zahlloser US-Aktien, die Gewinnerwartungen der Analysten und die Aktienkurse noch immer für viel zu hoch. Sie gehen deshalb von einem weiteren Wall-Street-Abschwung aus. (APA)

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  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die New Yorker Wall Street wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September.

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