Klassiker der Moderne: Wire - "154"

6. September 2002, 11:44
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Punk als Bewegung im Dienste der Reduktion - Wire brachten zusätzlich ein stoisches Moment ein

War Punk schon im wesentlichen eine Bewegung im Dienste der Reduktion, so "bereicherten" Wire diese Ästhetik zusätzlich um ein stoisches Moment. 1976 gründeten die aus in einem Kunstschulumfeld kommenden Colin Newman, Bruce Gilbert, Graham Lewis und Mark Field alias Robert Gotobed die Band Wire. Ihr 1977 erschienenes Debütalbum Pink Flag stand noch sehr im Zeichen des gerade explodierenden britischen Punk, aber bereits das darauf folgende Chairs Missing (1978) demonstrierte eindrucksvoll, dass Wire keine Schablonen-Band sein würde, die versuchte, modischen Trends zu entsprechen. Dem surrealistisch anmutendem Cover entsprechend entwarfen Wire introspektive Songs: noch weniger Akkorde als es Punk vorsah, dafür Auslassungen und Feedback-Sounds die exakt und gezielt in die Kompositionen gesetzt wurden, untermalten die - bei aller Skelettierung - doch Richtung Pop-Song orientierten Stücke wie Heartbeat, I Am The Fly oder die Miniatur Another The Letter in der das "geheime" fünfte Mitglied der Band, Produzent Mike Thorne, wieder einmal genial die Keyboardtasten drückte.

Zur vollen Blüte gelangte dieser Methode auf dem dritten Album, 154, auf dem die Arbeit mit Soundflächen und Pop zusammen mit der kompromisslosen Haltung, sich nicht selbst zu wiederholen, zu so wunderbaren Ergebnissen wie 2 People In A Room oder I Should Have Known Better führte: Ein sturer Beat, eine dramatisch minimal gehaltene Akkordfolge und eine Stimme, die sich zwischen verlorenem Sprechgesang und Munchem Schrei bewegt. Ähnliches - wenn auch wertkonservativer und harmoniesüchtiger - haben zu jener Zeit nur noch XTC rund um Andy Partridge produziert.

Nach drei Alben und ausgiebigen Tourneen - unter anderem im Vorprogramm von Roxy Music - war mit Wire vorübergehend Schluss. Erst 1985 veröffentlichten die vier auf Daniel Millers Mute-Label das ausgezeichnete Album The Ideal Copy. Dem selbstreferenziellen Titel wurde die Band gerecht, indem sie, ähnlich wie New Order, in ihre originäre Soundästhetik Elemente des damals aktuellen Pop übernahm und damit zusehends auch Dancefloor-tauglich erschien. Mit dem auf der kongenialen EP Snakedrill enthaltenen Nummer Drill landeten Wire einen Achtungserfolg, mit Kidney Bingos sogar einen Charts-Eintritt in England.

Die eigenwillige Handschrift, die die ersten drei Alben so außergewöhnlich erscheinen ließ, verblasste in Folge jedoch zusehends und die einzelnen Musiker beschritten verschiedenste Solowege. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 9. 2002)

Wire: Pink Flag, Chairs Missing, 154 (EMI) oder unter Pink Flag
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    Das Cover von "154"

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