Blick zurück nach vorn

6. September 2002, 12:05
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Die britischen Punk-Mitbegründer Wire melden sich mit "Read & Burn 01" zurück

... zornige, laute und schnelle Songs, besser denn je. Von Altersvorsorge keine Spur

"And the chorus goes, and the chorus goes: B-b-b-b-bang!" Nach nur 17 Minuten Spieldauer der ersten regulären Wire-CD seit elf Jahren, dem nur sechs schnelle, kurze Song-Explosionen beinhaltenden Read & Burn 01, ist eines klar. Die Entscheidung aus dem Jahr 2000 war keine dem Alter geschuldete, eitle Dummheit. Als damals die britischen Artschool-Punk-Pioniere Wire beschlossen, in Originalbesetzung wieder auf Tournee zu gehen, musste man sich um eine der innovativsten Gruppen der letzten 25 Jahren ernste Sorgen machen.

Nicht nur, dass die mittlerweile eher in elektronischen Bereichen solo aktiven Mitglieder Colin Newman, Bruce Gilbert, Graham Lewis seit dem ersten und für lange Jahre letzten, künstlerisch eher glücklosen Band-Revival aus den späten 80er-Jahren nicht mehr besonders gut aufeinander zu sprechen waren - und das vierte Rad am Wagen, Schlagzeuger Robert Gotobed, eigentlich lieber einen Drumcomputer an seiner Stelle arbeiten ließ. Entgegen aller bisherigen Pragmatik, live niemals bereits auf Tonträger erhältliche Stücke zu wiederholen (festgehalten auf dem verstörenden posthumen Live-Dokument Document And Eyewitness aus 1981), wollten Wire damals ausgerechnet auch noch mit einem Best-of-Programm aus ihren zwischen 1977 und 1979 erschienenen Alben Pink Flag, Chairs Missing und 154, das Publikum anlocken.

Wie Augenzeugen der damaligen Tournee allerdings berichten, verbreitete die ganze Veranstaltung zwar gehörig Patina. Die beruhte aber auf den Erwartungshaltungen des Publikums. Wire selbst gaben dem alten Material nicht die bierbäuchig-nostalgische Behandlung so vieler anderer Bands auf großer Altersvorsorgetournee. Gegen die Neudeutungen von Klassikern wie Field Day For The Sundays oder I Should Have Known Better klangen die Originale wie die läppischen Versuche einer Schülerband.

Man hörte und bestaunte wie in alten Tagen: Schnelligkeit, Schärfe, Präzision, Reduktion - und am allerwichtigsten, die Kanalisation von gerechtem Zorn auf die Welt in Richtung Kühlschrank, Rache gehört schließlich kalt serviert. All diese Merkmale kennzeichnen nun auch das Studio-Comeback von Wire, die sechs Songs von Read & Burn 01. Das Quartett, dem wegen seiner Mixtur aus krudem Punk und artifiziellen Klangforschungen einmal die treffende Umschreibung "Brian Eno trifft auf die Ramones" umgehängt wurde, spielt laut, schnell, hart und so präzise, dass es den meisten Jungspunden, die sich heute auf alten Punk als Vorbild berufen, die Ohren anlegt.

Sechs Stücke in 17 Minuten. Verzerrte Gitarren. Verzerrter Gesang. Minimalistische Donnergurgler-Riffs aus dem Mistkübel von Motörhead. Halsbrecherische Geschwindigkeit. Wuchtiges Schlagzeug. Pulsierender Bass. Präzise Breaks: "You've had your chance, the lights are out. No one's at home. It's all in the art of stopping!" Wire haben Rock schon immer als biologistische Maschinenmusik interpretiert. Mit I Don't Understand, dem weniger heimlichen als heimtückischen Hit von Read & Burn 01, einer radikal modernistischen Neudeutung ihres alten Titels Lowdown, ist ihnen das 25 Jahre nach ihrem Debüt Pink Flag gelungen.

Wenn man einmal über 45 Jahre alt ist, bedeutet das in vielen Fällen möglicherweise, dass man dazu passend auch Altersmilde an den Tag legt. Im Falle von Wire müssen diesbezügliche Klischees versagen. Diese Band ist noch immer zornig: "It's coming fast. It's a comet. Coming this way with your name on it. It's a heaven sent extinction event. And the chorus goes: B-B-B-B-Bang. Then a whimper."
(Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 9. 2002)

Wire - Read & Burn 01 (Pink Flag Records/Cargo)

Wire live am 23. 11. im Wiener Flex
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