Berührende Wurzelkunde abseits der Trends

6. September 2002, 12:08
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Neue CDs von Michael Hurley, The Blind Boys of Alabama und Mark Olson and the Creek Dippers

MICHAEL HURLEY: Sweetkorn (Trikont/Hoanzl) Unbemerkt von der Welt nimmt Michael Hurley seit den 60er-Jahren zwischen seinem Dasein als überzeugter Vertreter der Beatnik-Generation, dem Malen von Bildern, dem Zeichnen von Comics und jahrelangen Schaffenspausen, in denen er sich als Gelegenheitsarbeiter verdingt, wundervoll zeitlose Folkalben auf. Die klingen, trotzdem sie aus eigener Feder stammen, so alt, als habe man Harry Smiths berühmte Folk Anthology aus den 50er-Jahren soundtechnisch einfach aufpoliert. Dieses Mal hat der ehemalige Mitstreiter der Holy Modal Rounders junge Musiker dazu eingeladen, seine gemütlich schunkelnden und rollenden Stücke, vorgetragen mit warmer, melodischer Kopfstimme, mit Gitarre, Banjo und Mandoline, nach eigenem Gutdünken zu behübschen. Lassen Sie sich von den teilweise doch recht hässlichen Cover-Artworks von Hurley-Platten nicht abschrecken. Hier agiert einer der ganz Großen am Zenit seiner Kunst. Ende September geht Hurley übrigens auf Österreich-Tournee.
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THE BLIND BOYS OF ALABAMA: Higher Ground (Realworld/Virgin) Unter der Mitwirkung des Pedal-Steel-Gitarristen Robert Randolph und seiner Family Band sowie von Gitarrist und Songwriter Ben Harper hat sich das mit über 60 Jahren (!!!) aktive und demnach noch vor den Staple Singers längstdienende Vokalensemble im Gospel-, Rhythm'n'Blues- und Soul-Bereich dieses Mal neben Traditionals wie Wade In The Water oder Freedom Road spiritueller Songs der neueren Neuzeit angenommen. Curtis Mayfield wird mit People Get Ready ebenso gewürdigt wie Aretha Franklin (Spirit in The Dark), Prince (The Cross), Jimmy Cliff (Many Rivers To Cross) oder mit dem Titelsong Stevie Wonder. Teilweise ist das Ganze im Gegensatz zum genialen Vorgänger Spirit Of The Century etwas glatt im Sinne des Spätwerks von B.B. King geraten. Aber diese verzückt jubilierenden Engelsstimmen wiegen alles auf! schach

MARK OLSON AND THE CREEK DIPPERS: December's Child (Glitterhouse/Hoanzl) Der ehemalige Frontmann der US-College-Rocker The Jayhawks hat sich mit seiner Lebensgefährtin, der großen Songwriterin Victoria Williams, wegen deren schwerer Blutkrankheit vor einigen Jahren in die kalifornische Wüste zurückgezogen und veröffentlicht von dort aus berührende Familienplatten im Stile von Country-Neuerer Gram Parsons. Nach einigen eher zwiespältigen Arbeiten ist den Creek Dippers dieses Mal wieder ein stimmiger Wurf gelungen. schach
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 9. 2002)

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