"Espana verde" - Maurentöters grüne Heimat

3. Oktober 2005, 16:12
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Die alten Pilgerpfade an der Nordküste der Iberischen Halbinsel erschließen nicht nur per pedes ihre Reize

Espana verde, das grüne Spanien, ist anders, widerspenstiger und archaischer als viele andere Spanien, wie immer sie heißen mögen. Keine vulgäre Ballermannseligkeit, keine überfüllten Strände vom Typus Teutonengrill erwarten den Reisenden, der die Nordküste der Iberischen Halbinsel vom Baskenland über Kantabrien und Asturien nach Galizien entlangfährt (oder entlangpilgert: Hier verlaufen ja auch die berühmten Wege nach Santiago de Compostela, die man, je nach Vorliebe, entweder direkt am Meer einschlagen kann oder ein wenig weiter im Landesinneren).

Dafür ein ungemein charaktervolles Ensemble aus kulturellen, historischen, architektonischen und Landschaftsreizen, denen man unschwer verfallen kann, so wie der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom ("Der Umweg nach Santiago") oder Thomas Bernhard ihnen restlos verfallen sind. Für alle, denen der Pilgerzug zu Fuß zu beschwerlich ist, bietet ein Mietauto die beste Option, sich im individuellen Rhythmus von Ort zu Ort zu bewegen. Zum Beispiel um die Strecke von Bilbao bis Santiago de Compostela abzufahren: Je nach Zeitbudget sollte man für diese Reise mindestens eine Woche veranschlagen, wer sich ernsthafter auf den Reichtum der Region einlassen will, könnte auch wesentlich mehr Zeit aufwenden (Nooteboom bereist Spanien seit Jahrzehnten ohne auch nur annähernd an ein Ende des Staunens zu kommen.)

Bilbao ist jene Industriestadt von eigenwilligem, herbem Charme geblieben, als die sie sich schon Ende der 70er-Jahre präsentierte. Mittlerweile hat sie mit dem Guggenheim-Museum ein künstlerisch-touristisches Asset zu bieten, das jede Reise wert ist. Von einer riesigen, von einem grellbunten Blumenteppich überwachsenen Hundebaby-Statue des Kitschkünstlers Jeff Koons bewacht, schmiegt sich Frank Gehrys silberglänzender Bau mit seinen kühn geschwungenen Stein- und Glaskurven zwischen dem Nervion-Fluss und der Puente de La Salve, einer Autobahnbrücke, ins Stadtbild. Angeblich soll sich die Risikofreudigkeit der Stadtväter, denen bei der Realisation des Projektes erhebliche Skepsis der Bevölkerung entgegenschlug, bezahlt gemacht haben. Weit über eine Million Besucher, viele davon aus Übersee, lockt das Museum jährlich an.

Etliche Dutzend Kilometer entfernt, im ans Baskenland angrenzenden Kantabrien, liegt das pittoreske mittelalterliche Dorf Santillana de Mar. Ganz in seiner Nähe nötigen die Cuevas de Altamira, die Höhlen von Altamira, mit ihren weltbekannten Wandmalereien dem Besucher ein ordentliches Quantum an Ehrfurcht ab, auch wenn ihm nur der Zugang zu einem mit penibler Genauigkeit verfertigten Klon der ursprünglichen Höhle möglich ist: Die Original-Cuevas sind, weil sie sich unter dem unablässigen Zustrom der Schaulustigen zu zersetzen drohten, nur mehr einigen wenigen Happy Few zugänglich, die jahrelange Wartezeiten auf sich genommen haben.

Wenn man entlang der Küste westwärts fährt, nähern sich die Picos de Europa, eine Hochgebirgslandschaft mit einem spektakulären Nebeneinander von alpinen und maritimen Versatzstücken, das auf den Bewohner des mitteleuropäischen Alpenlandes besonders surreal wirkt. Ab und zu erweckt eine am Meeresstrand grasende Kuh den trügerischen Eindruck, als entstiege sie gerade den Fluten. Die "Picos de Europa" sind in einem Reiseführer einst als eine der "zehn am meisten übersehenen Sehenswürdigkeiten der Welt" bezeichnet worden. Dieses Übersehenwerden hat den angenehmen Nebeneffekt, dass die extraordinäre Schönheit dieses Landstrichs dem Zugriff des Massentourismus entzogen geblieben ist.

Asturien war wie das angrenzende Galizien lange ein Hauptrückzugsgebiet des Christentums, das von dort aus seinen Widerstand gegen die "Mauren" organisierte. Matamauros, Maurentöter, lautet der gemütvolle Beiname des Heiligen Jakob, des Schutzheiligen von Santiago de Compostela. Im Sinne einer gelungenen Reisedramaturgie ist es nur stimmig, wenn die letzte Station im grünen Spanien Santiago heißt: Das ungeheuerliche Steingebirge der Kathedrale mit den ochsengroßen Putten und einem von der Decke schwingenden, mannshohen Weihrauchfass - all das ist nur daraufhin angelegt, den Pilger seine Winzigkeit vor Gott spüren zu lassen. Das ist ein Ort, an dem auch Agnostiker und Atheisten eine Ahnung von der Wucht bekommen werden, die das Christentum zu Zeiten entfaltet hat. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 09. 2002)

Info

Der ÖAMTC bietet ein Fly, Drive and Sleep-Package für das "grüne Spanien" an:

Tel.: 0810 / 120 120 (zum Ortstarif)
www.oeamtc.at

Spanisches Fremdenverkehrsamt
Walfischgasse 8/14
1010 Wien
Tel: 01 / 512 95 80
  • Artikelbild
    foto: winder
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