Atomkraft in der Lunge . . .

9. September 2002, 11:41
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. . . war nötig, um den Staub aus dem Atelier der französischen Traditionsmarke Céline wegzublasen. US-Designer Michael Kors hatte genug Volumen. Das reicht sogar noch für seine eigene Kollektion. Ein Porträt von Peter Bäldle

John Galliano schickt für Dior die Frauen als Style-Tramps durch die Weltkulturen und mixt einen farbenfrohen Cocktail aus Indio-Mustern und Patchwork-Puzzles, Karl Lagerfeld inszeniert für Chanel die Frau als Rockerbraut mit Kettenfransen am Tweedspenzer und Stiefeln zum Ledermini, und Tom Ford lässt bei Yves Saint Laurent Spitzen rieseln und Satinbänder flattern: Um Mode in schwierigen Zeiten verkaufen zu können, muss man sie offensichtlich in Szene setzen. Denn niemand, so heißt es, suche mehr das Alltägliche, den klassischen Blazer, die schlichte Hose.

Nun war das Einfache aber zu keiner Zeit wirklich einfach, denn es rutscht allzu leicht ins Banale ab. Allzu oft fehlt ihm das Flair des Besonderen. "Wir alle besitzen viel zu viele Kleidungsstücke, haben die Schränke voll bis obenhin", meint dazu der US-Designer Michael Kors, "deshalb geht es in der Mode auch nicht länger darum, was man braucht, sondern um das, wovon man träumt." Michael Kors weiß, wovon er spricht. Als er im vergangenen Sommer bei Neiman Marcus in Texas seine Kollektion präsentierte, verkaufte er eigenhändig neun strassbestickte Kaschmir-Shirts zu 9000 (!) Dollar das Stück.

Seine Mode ist nicht spektakulär im eigentlichen Sinne des Wortes. Kors selbst beschreibt sie als "klassisch, aber chic, sportlich und stets bequem". Luxuriös in den Materialien und wunderbar gearbeitet, möchte man hinzufügen. Sie umgibt jener undefinierbare Hauch von Glamour, der sie stets begehrlich erscheinen lässt. Und sie ist ein Meisterstück an Understatement. Auf den ersten Blick weiß bei ihr niemand, welcher Designer dahinter steckt.

Das bedeutet nicht, dass Kors keine Handschrift hätte, sondern nur, dass Mode für ihn niemals die Persönlichkeit einer Frau überdecken darf. "Das ist der Einfluss meiner Mutter", gesteht der Designer. "Sie war ein Hosentyp, sehr sportlich und auf keinen Fall ein Fashion-Victim. Sie hat nie zugelassen, dass Kleider sie beherrschten." Seine Mutter, ein ehemaliges Revlon-Model, war sehr schön und liebte Shoppingtrips, bei denen der kleine Michael sie begleiten durfte, um mit ihr die Mode zu diskutieren.

Wer ist nun dieser Michael Kors? Wir kennen Ralph, Calvin und Tommy, vielleicht noch Marc Jacobs und Donna Karan - aber Michael? Nun, er ist nicht weniger als der ständige Geheimtipp der New Yorker Modeszene. Er ist der Darling der Madison Avenue, wo die Reichen und Schönen wohnen, und er eine Boutique besitzt. Er ist der Liebling der "ladies, who lunch", wie man "uptown" jene Frauen bezeichnet, die das soziale Leben beherrschen. Die Liste jener Frauen, die seine Mode tragen, ist lang. Zu ihr gehören Hollywood-Stars wie Sharon Stone, Sigourney Weaver und Sarah Jessica Parker, die er zuweilen für ihre Kultserie "Sex And The City" anzieht. Aber seine Mode trägt auch Aerin Lauder aus der Kosmetik-Dynastie, die ein Imperium leitet, um den Globus jettet, zwei Kinder hat und "trotzdem hinreißend aussieht", wie Kors lachend hinzufügt. Seine Mode strahlt aus, was diese Frauen wie ein stilles Einverständnis verbindet: Status.

Wer so arbeitet, kann kein Newcomer sein. Und doch ist es überraschend, wie lange Kors schon im Business ist. In den 70er-Jahren besuchte der in Merrick, Long Island, Geborene das New Yorker Fashion Institute of Technology. Um sein Studium finanzieren zu können, jobbte er als Verkäufer bei der damals sehr trendigen Boutique "Lothar's" auf der 5th Avenue. Er bediente John Lennon und Yoko Ono, Cher und Jackie O. und durchtanzte die Nächte im "Studio 54". Als man ihn fragte, ob er für "Lothar's" Mode entwerfen wolle, sagte er sofort zu und verließ die Schule. Daraus entstand schließlich jene Kollektion, die er 1981 zum ersten Mal unter seinem eigenen Namen präsentierte. Bergdorf Goodman war übrigens unter den ersten Modehäusern, die seine Entwürfe orderten.

Schon bald avancierte er zum Insider-Label. Er verbindet "uptown chic" mit "downtown cool", sagen seine Fans. Trotzdem bleibt Hollywood seine konstanteste Inspiration. Er zog René Russo an, als sie an der Seite von "James Bond" Pierce Brosnan in "The Thomas Crown Affair" spielte. Er entwarf Outfits für Gwyneth Paltrow in "Possession" und für Cate Blanchett in "Bandits". Seine Liebe aber gehört all den legendären Filmklassikern aus den goldenen Jahren der Traumfabrik. Durch sie lernte er, den Alltag zu "glamourisieren": lange Perlenketten zum hochgeschlossenen Hemdkragen wirken chic, ein dicker Reif aus Silberfuchs adelt jedes Outfit, Lurexgarne lassen Tweed kostbar erscheinen und verwandeln ein knöchellanges Holzfällerhemd in ein Abendkleid.

1997 bat ihn Bernard Arnault aus Paris, Mode für das leicht antiquierte Luxuslabel Celine zu entwerfen. Der Herrscher über den Luxuskonzern LVMH, zu dem so illustre Namen wie Louis Vuitton, Dior, Givenchy oder Kenzo gehören, wollte eine Kollektion für eine Frau über 30, die nicht zu trendy, aber - trotz eines klassischen Untertons - auf keinen Fall langweilig sein sollte. Kors gelang dies mühelos. Arnault ernannte ihn zum Kreativdirektor von Celine, Kors sollte das Erscheinungsbild der Marke neu definieren.

Das 1945 gegründete Unternehmen, das Arnault 1987 kaufte, hatte mit Schuhen und Taschen begonnen und kleidete zuletzt die Couture-Kundin ein, wenn sie zum Weekend aufs Land fuhr: mit Flanell-Faltenröcken zum Goldknopf-Blazer und Kaschmir-Twinsets. "Um all den Staub wegblasen zu können, musste man Atomkraft in der Lunge haben", gestand Kors einmal später. Dennoch gelang es ihm zu verwirklichen, was er von Anfang an für Celine vorhatte: "eine moderne Interpretation des Stils von Greta Garbo". Dafür ersetzte er die Röcke durch Hosen aus Kaschmir-Stretch, die Twinsets durch sportliche Shetlandpullis in sexy Proportionen und vor allem brachte er handschuhweiches Leder ins Spiel.

Für die aktuelle Herbst- und Winterkollektion erinnerte er sich auch an Kristin Scott Thomas in "Der englische Patient" und griff Elemente der Fliegermode der 30er-Jahre auf. Sie inspirierte ihn zu lässigen Cargo-Hosen mit aufgesetzten Reißverschlusstaschen unter leichten Lammveloursmänteln. Taillenkurze Bomberblousons aus Nappaleder hatten Nerzkragen, und schmale Lurexpullover begleiteten Plisseeröcke aus Kupferlamee.

"Alles in allem muss man ganz schön selbstgefällig sein", resümiert Michael Kors, "um sagen zu können: Das da sollten Sie tragen! Deshalb sollte man früh schon lernen, eine eigene Meinung zu haben." (derStandard/rondo/6/9/02)

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    Celine

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    Michael Kors

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