Tief Luft holen

10. September 2002, 14:56
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Einst erzeugte Mario Moretti Polegato feinen Prosecco, dann brachte ihn bei einer Wanderung seine Schuhwerk zur Verzweiflung - und er erfand die "atmende" Sohle und eine Schuhmarke namens Geox.

Am Beginn seiner Erfolgskarriere stand ein Gewaltakt mit einem Messer. Mit diesem durchlöcherte der gelernte Landwirt und Winzer Mario Moretti Polegato vor zehn Jahren die Gummisohlen seiner Sportschuhe. Dieser Akt der Verzweiflung fand nicht etwa in seiner Heimat, im gebirgigen Montebelluno, statt, denn dort hätte er sicher eine andere Lösung gefunden, sondern bei einer Tour in den Rocky Mountains. Der damals 40-Jährige wußte sich nicht mehr anders zu helfen: Er wollte die Wanderung in den Rocky Mountains unbedingt fortsetzen, ist aber seit jeher gegen Gummisohlen allergisch und griff daher zum Messer.

Der einzige Haken an seiner Gewalttat, an den "Sohlen mit Löchern", war, dass er nasse Füße bekam. Das brachte ihn zum Nachdenken. Polegato wollte nun unbedingt Sohlen konstruieren, die zwar Luft aber keineswegs Wasser durchlassen, der Traum von Millionen Müttern, die sich trockene Füße für ihre im Regen spielenden Sprösslinge herbeisehnen. Kurzum, der heute 50-jährige Prosecco-König aus Montebelluno im Hinterland Venedigs sagt dem prickelnden Schaumwein kurzerhand "addio" und konzentrierte sich voll auf das heikle Problem Schweißfüße. Die Weingüter der Familie Polegato, "La Gioiosa", werden inzwischen von seinem jüngeren Bruder bestellt.

Mario hingegen versuchte, seine Idee durchzusetzen. Bei den Sportschuhherstellern von Montebelluno stieß er auf taube Ohren. Niemand wollte was von Erfolgsrezepten gegen Schweißfüße, schon gar nicht von durchlöcherten Sohlen wissen. In den USA wurde das Anliegen jedoch ernst genommen. Das von Polegato kontaktierte Museum für Raumfahrt in Houston fand die Lösung für sein Problem: eine feine Membran, die von der Weltraumforschung entwickelt wurde, die für Schweiß, nicht aber für Regentropfen durchlässig ist.

Nun ging es nur mehr darum, diese Membran mit den Löchern zu kombinieren bzw. die Löcher mittels der Membran zu überdecken. Drei Jahre lang arbeitet der ehemalige Jusstudent Polegato an der neuen "atmenden" Schuhsohle. Dann ließ er seine Idee gleich in 100 Ländern der Welt patentieren. Und gründete 1995 die Firma Geox. Innerhalb weniger Jahren avancierte er damit zu einem der größten italienischen Schuhhersteller.

Für 2002 plant Polegato, den Umsatz von 150 auf 200 Millionen Euro zu erhöhen. Die Umsatzrendite ist mit sieben Prozent im Vergleich zum Rest der Branche relativ hoch. 5000 Mitarbeiter in weltweit 15 Fabriken stellen jährlich rund fünf Millionen Paar Schuhe her. Innerhalb eines Jahres ist die Geox-Schuhproduktion damit von 3,8 auf 5 Millionen geklettert, in Anbetracht der Schuhkrise in Italien sowie allgemein sinkender Produktions-und Exportzahlen ein beachtlicher Erfolg. Laut dem US-Marktforschungsinstitut Shoe Intelligence rangiert Geox in der weltweiten Sportschuhliste unter den ersten zehn Plätzen. An erster Stelle ist und bleibt weiterhin Timberland.

Nun will Polegato sein Patent auch auf Ledersohlen und Kleidung anwenden. Ein Team von 20 Forschern im Geox-Hauptquartier in Montebelluno ist mit diesem Projekt beschäftigt. Einige Damen-und Herren-Jacken mit eingenähten Antischweiß-Membranen in Kragen und Achselhöhlen sind bereits in Produktion.

"Wichtig", so Polegato, "ist es, die Innovation zu patentieren." In Italien herrsche noch keine Patent-Kultur. Kreativität und Design allein genügten aber nicht, ohne Patente hätten sie keine Zukunft.

Polegato verfolgt auch eine äußerst aggressive Marketingpolitik. Allein im vergangenen Jahr wurden 200 Geox-Geschäfte weltweit eröffnet. Heuer sind es weitere 100. Nach dem erst kürzlich auf Mailands Edel-Shoppingmeile Montenapoleone und im Düsseldorfer Zentrum eröffneten Geschäften wird Ende September auch in Wien einen Laden eröffnet. Als Standort wurde die Mariahilfer Straße 106 gewählt. "Die Österreicher lieben bequeme Schuhe", meint Polegato. Danach folgen noch im laufenden Jahr Boutiquen in Prag, Budapest, Sarajewo und München. In Belgrad gibt es bereits vier Geox- Stores.

Natürlich kann man das Design der Geox-Schuhe nicht mit Luxusmarken wie etwa Armando Pollini oder Rossetti vergleichen. Schließlich fühlt sich Polegato auch mehr als Erfinder und nicht so sehr als Designer. Trotzdem haben seine Schuhe ein gewisses Flair, das es eben nur in Italien gibt. Die Preise liegen im Bereich des Möglichen: Trekking-Sandalen für Männer kosten z.B. knappe 90 Euro, ein City-Loafer für Frauen 115 Euro.

Noch mehr als Erfinder oder Designer fühlt sich Polegato jedoch als Weltverbesserer: Geox sei die Antwort auf ein Problem der Menschheit, meinte er kürzlich vor Journalisten. Denn der Wunsch nach bequemen Schuhen, so ist er überzeugt, stehe in der Rangliste menschlicher Bedürfnisse ganz oben. (derStandard/rondo/Thesy Kness-Bastaroli/6/9/02)

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