von Clarissa Stadler
Sich einlassen und loslassen

12. September 2002, 11:08
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"Der letzte Luxus, der im Spätkapitalismus geblieben ist, ist die Verschwendung von Talent", zitiert G. aus seinem neuesten Lieblingsbuch und versucht dabei, möglichst träge zu wirken. Das spätsommerliche Licht fällt spärlich dosiert in milchigen Strahlen in das Lokal, in dem wir sitzen. "Ja", sage ich, "neben dem Luxus, einen sonnigen Tag zu vergeuden und drinnen zu bleiben." Wir fühlen uns sehr luxuriös an diesem Tag. Man muss sich an einem solchen Tag vorstellen, was man draußen alles erleben könnte und dann lässig kapitulieren.

Wir haben uns in einem dieser neuen Themenrestaurants getroffen. Essen im Spätkapitalismus ist ja in erster Linie Konzept. Und das Konzept hier heißt Asien neu. Zen oder die Kunst der Entschlackung. Also keine goldenen Drachen an den Wänden, keine Zimmerspringbrunnen, keine Plastikblumen, keine Nummern vor den Gerichten auf der Speisekarte. Dafür: Designerstühle und -tische, kahle Wände, Transzendenz zur offenen Nirostaküche und über allem ein zarter Klangschleier. "Gotan Project" oder Fusion total. Vergeistigung, von der Garnele bis zur Kochschürze.

"Ist dir schon mal aufgefallen", sagt G., "dass in Konzeptlokalen das Konzept auf die Gäste abfärbt?" Sein Blick sucht meinen und führt ihn in Zeitlupe zum Nachbartisch. Auf dem Bambustischläufer, neben den noch papierverpackten Stäbchen, liegt ein abgegriffenes Taschenbuch. Ich verdrehe meinen Kopf unauffällig um 90 Grad. Auf dem Buchrücken steht: "Sich einlassen und loslassen". Aus dem Gespräch der Buchbesitzerin weht es ein paar Wortfetzen an unseren Tisch. "Shiatsu", "Mango", "Vietnam".

"Der letzte Luxus im Spätkapitalismus", sagt G. jetzt, "ist, sich dem Klischee zu ergeben, anstatt es zu bekämpfen." Ja. (derStandard/rondo/6/9/02)

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